Thursday, March 12, 2015

Was ist Herrschaft

Mit einigen historischen Zusammenhängen und aktuellen Beispielen skizziert der erste Teil, wie Herrschaft heute verstanden werden kann. Es werden allgemeine Definitionen vorgeschlagen, die den Hintergrund für die Auseinandersetzung mit den Themen der folgenden Teile bilden. Für den Fall, daß Film und Text parallel verwendet werden, wollen wir darauf hinweisen, daß die Textversion in den Formulierungen leicht vom Gesprochenen abweicht.

Fragen wir heutzutage nach Herrschaft, so befinden sich die vorhandenen Vorstellungen häufig irgendwo zwischen der Vermutung, dass Politiker, Medien- und Wirtschaftsbosse die Fäden ziehen, und der Überzeugung, dass Herrschaft in den modernen Demokratien faktisch abgeschafft sei. Dazu kommt, daß Herrschaft meist auch mit verschiedenen Vorstellungen von Macht vermischt wird. Was Macht und Herrschaft also überhaupt bedeuten, wie sie zusammenhängen, und vor allem, welche unerwünschten Folgen sich auch heute für die Lebensverhältnisse vieler Menschen ergeben, soll Thema unserer ersten Folge sein. Dabei geht es nicht um die Vermittlung letzter Wahrheiten, sondern lediglich darum, einige Zusammenhänge zu erhellen und Denkanstöße zu geben.

Am besten beginnen wir unsere Reise mit dem Begriff, der wohl am gebräuchlichsten ist: Macht. Macht ist zweifellos ein interessantes und vielseitiges Phänomen. Schauen wir uns die Thematisierung von Macht etwas genauer an, so können wir grob zwischen „Macht über“ und „Macht zu“ unterscheiden. Menschen können z.B. ‘Macht über’ andere Menschen gewinnen. Sie können aber auch ‘Macht zu’ besonderen oder gewöhnlichen Handlungen haben, etwa das Spielen eines Klaviers, sodass ihnen das Publikum gebannt zuhört. Herrschaft hingegen begreifen wir als eine sehr spezielle, verstetigte Form von „Macht über“. Eine Macht, die die Handlungsmöglichkeiten anderer Menschen, einschränkt. Jedoch ist diese Macht nicht einfach im Besitz eines Menschen. “Macht” ist eher abstrakt als eine Eigenschaft von zwischenmenschlichen Beziehungen zu verstehen - beide Seiten gehören dazu. Die Verbindung von Macht und Herrschaft stellte sich in früheren Zeiten etwas einfacher dar als heutzutage: Im Mittelalter z.B. sehen wir die Herrschaft der männlichen Familienoberhäupter über Frauen, Kinder, Mägde und Knechte - und darüber die Fürsten, Könige und Kaiser als „Landesväter“. Herrschaft galt zu jener Zeit als göttliche Ordnung, in der jedem „Stand“ seine eigene Aufgabe und Stellung zukommt. Herrschaft bedeutete hier also, das Menschen sich in direkten Beziehungen von Befehl und Gehorsam, oben und unten, Herr und Knecht befanden; es bedeutete, dass Herrschaft mit Gewalt und z.B. religiösen Ideologien durchgesetzt werden musste. Wenn heute über Herrschaft gesprochen wird, denken wir meistens an diese personalisierte Form - und sind froh das es sie in vielen Teilen der Welt so nicht mehr gibt. Heutzutage ist Herrschaft sicher nicht mehr das Problem mit dem König, dem wir nur den Kopf abzuschlagen brauchen, doch heißt das, dass Herrschaft völlig verschwunden ist? Oder hat sie sich vielmehr lediglich verändert?

Damit der Begriff Herrschaft auch auf die heutige Situation anwenbar ist, kann sie definiert werden als die dauerhafte und systematische hierarchische Ordnung von Gesellschaft. Handlungsmöglichkeiten, Entwicklungschancen und Aussichten auf ein gutes Leben werden durch Herrschaft begrenzt - gemessen an dem was materiell, sozial, technisch und ökologisch möglich ist. Im Rahmen von kritischer Gesellschaftstheorie lassen sich unserer Ansicht nach nun besonders die fünf folgenden Mechanismen und Techniken von Herrschaft unterscheiden, die heutzutage wichtig sind und die zeigen, daß Herrschaft und die daraus resultierenden Probleme keinesfalls als erledigt angesehen werden können.

1) Unpersönliche Zwänge, die aus der Ökonomie resultieren, aus dem kapitalistischen Markt Prinzip, z.B. der Zwang, gegen Lohn für einzelne Kapitalisten arbeiten zu müssen oder der Zwang auf dem Markt zu konkurrieren. Hier wird nicht demokratisch entschieden, was und wie produziert oder verteilt wird – ein umfassender Zugang zu den produzierten Gütern für alle … ist nicht das Ziel in Marktwirtschaft und repräsentativer Demokratie.
2) Die soziale Ungleichheit von Menschen gegliedert nach ihrer sozialen und nationalen bzw. kulturellen Herkunft sowie nach Geschlecht und sexueller Orientierung. Die soziale Positionierung entscheidet über die Zuweisung von Chancen, Kompetenzen und Aufgaben in Ökonomie, Staat, Haushalt und nicht-staatlichen Öffentlichkeiten.vEine Transgender-Person arabischer Herkunft wird in Deutschland wahrscheinlich nicht Vorsitzende des Bundesverbands der deutschen Industrie werden. Dagegen gibt es eher wenige weiße heterosexuelle Putzmänner aus herkunftsdeutschen Unternehmerdynastien, die zusätzlich privat den Haushalt für ihre Frau regeln und die Kinder versorgen.
3) Ideologien zielen darauf ab, gesellschaftlichen Konsens und eine Zustimmung zu Herrschaft herzustellen. Sie überzeugen die Subjekte, freiwillig an ihrem Platz, ihrer Position, zu verharren und andere auf ihren Platz zu verweisen. Die ideologischen Apparate, v.a. die Familie und das Erziehungssystem, statten außerdem die Individuen mit den Fähigkeiten aus, die sie brauchen - in ihrer jeweiligen elitären oder untergeordneten Position. So produziert Ideologie selbst die Unterschiede, die zur Legitimierung von Ungleichheit genutzt werden können – eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.
4) Außerdem steht dem Staat eine Palette von Zwangsmitteln zur Verfügung, über die die bestehende soziale Ordnung abgesichert und verteidigt wird: Militär, Polizei, Geheimdienste, Waffen, Gefängnisse, Psychatrien, Überwachungstechnologien usw.
5) Schließlich muss betont werden, dass auch direkte personale Formen von Herrschaft keineswegs aus der Welt verschwunden sind. In der Produktion in den sogenannten Entwicklungsländern finden sich Formen von Sklaverei - Zwangsarbeit ist weltweit verbreitet zum Beispiel in der Prostitution. Männliche Herrschaft hat im privaten Bereich der Haushalte durch geschickte Anpassung an historische Veränderungen überlebt. Häusliche Gewalt und Zwangsverheiratungen sind nur die Spitze des Eisbergs.

Die verschiedenen Herrschaftsweisen sind alle miteinander verknüpft – mal mehr, mal weniger. Zum Beispiel werden Rassismus, Sexismus und der soziale Status vom Minderheiten schon oft im Zusammenhang gesehen. Die orthodoxe Kapitalismuskritik hingegen lehnt einen grundsätzlich gleichen Stellenwert verschiedener Herrschaftsformen ab. Sie war früher dominierend, insbesondere in den sogenannten Ostblockstaaten vor 1989. Heute gibt es Kapitalismuskritik auch in einer undogmatischen Variante - in Verbindung mit anderen Aspekten von Herrschaft: z.B. in Verbindung mit Ideologie, Sexismus, Antisemitismus usw.
Was wir mit dieser Videoreihe vermitteln wollen, ist also im wesentlichen folgendes: Herrschaft hat sich in den letzten Jahrhunderten stark verändert – hin zu unpersönlichen Formen, d.h. das Menschen sich herrschaftlichen Strukturen wie z.B. dem Staat oder der Familie unterordnen, die sie selbst geschaffen haben. Sie ist viel komplexer geworden, schwieriger zu verstehen, schwieriger zu erkennen, schwieriger zu bekämpfen. Um diese neuen Formen und Mechanismen von Herrschaft wird es hier gehen.