Friday, December 11, 2015

Emanzipation - Eine Politische Einbettung

Vortrag und Diskussion (KüfA + Bar)

Dienstag, 15.12.2015 – 20 Uhr
JUP, Florastr.84, 13187 Berlin – Zugang übers Café

Am kommenden Dienstag wird zum Abschluss der Reihe ein kleines erst 2015 erschienenes Büchlein von großer Bedeutung vorgestellt. Darin lässt Michael Brie häufig Karl Polanyi (The Great Transformation, 1944), sowie Nancy Fraser (z.B. Umverteilung oder Anerkennung? Mit Axel Honneth, 2003) zu Wort kommen. Mit diesen führt uns Brie unpathetisch und entspannt auf knapp 100 Seiten durch eine ‘große Erzählung’ der sozialen und politischen Krisen im 19. und 20 Jhd.. Nancy Fraser hat erst kürzlich dafür plädiert, Karl Polanyis Werk kritisch aufzugreifen (A Triple Movement?, 2013, von Brie übersetzt und ebenfalls mit im Buch) und seiner Darstellung des zentralen Konfliktes zwischen Liberalismus und Protektionismus die emanzipatorischen Bewegungen hinzugefügt. Brie ergänzt noch die Kategorie der Autoritären und komplettiert damit ein grobes Bild der globalen politischen Strömungen. Dieses Bild wird in seinem abstrakten Kern vorgestellt, um das Projekt der Emanzipation in diese politische Landschaft einzubetten. Mit dem in den vergangenen Monaten entwickelten Emanzipationsbegriff lässt sich die von Fraser und Brie weitergeführte große Erzählung Polanyis mit wichtigen Aspekten bereichern, aber auch die unzureichende Diskussion des Verhältnisses von gegen-hegemonialen und nicht-hegemonialen Strategien emanzipatorischer Politik problematisieren.

Mit diesem Abschluss ist das mögliche Themenspektrum der Reihe sicherlich nicht erschöpft. Das Ergebnis kann nur ein Anfang sein für die Bewältigung diverser wichtiger Aufgaben, die durch diesen Versuch vor allem ins Bewusstsein emanzipatorischer Linker gebracht werden sollten. Diese Aufgaben drehen sich allesamt um die Klärung der Gesprächsgrundlagen zwischen linken Akteuren: Gibt es eine Wirklichkeit die wir gemeinsam erkennen und verändern können, oder ist alles nur einfach eine Frage der Perspektive und Meinung? Was müssen wir bei der Wahrheitssuche beachten? Reicht es, sich selbst zu ändern um zu einer besseren Gesellschaft zu gelangen, oder andersherum, reicht es mit geballter Macht den demokratischen Sozialismus einzuführen? Welche Rolle spielen Individuen und Gemeinschaften, Gesellschaft und Staat für den Prozess der Emanzipation? Welche Rolle spielen Utopie und Wertvorstellungen? Was können emanzipatorische Akteure aus Macht- und Herrschaftstheorien lernen? In welchem Verhältnis stehen Herrschafts- und Kapitalismuskritik? Und nicht zuletzt: Was bedeutet Emanzipation - konkret für unser Leben, politisches Engagement und die gesellschaftliche Entwicklung? In welcher Beziehung steht emanzipatorische Politik zu Empowerment und Solidarität? Sich diesen Kernfragen zu stellen ist aktuell ein wichtiger Schlüssel für eine gemeinsame Orientierung diverser linker Projekte und Strömungen, und, ein Schlüssel zu mehr Überblick und mehr Treffsicherheit und Wirkung im Sinne emanzipatorischer Ziele - für einzelne linke Akteure, und für ihre gemeinsame Wirkkraft. Nicht mehr und nicht weniger.

Brie, Michael (2015) Polanyi Neu Entdecken – Das Hellblaue Bändchen zu einem Möglichen Dialog von Nancy Fraser & Karl Polanyi. VSA, Hamburg