Thursday, November 26, 2015

Freedom Rising

Freedom Rising – Emanzipationstheorie mit starker Beweisführung

Vortrag und Diskussion (KüfA + Bar)

Dienstag, 01.12.2015 – 20 Uhr
JUP, Florastr.84, 13187 Berlin – Zugang übers Café

Christian Welzels Buch ‘Freedom Rising’ von 2013 ist definitiv ein Muss für die emanzipatorische Linke. Er nutzt darin eine enorme Datenmenge (Open Data), um in vielfältigen Detailfragen zu klären, wie es sich weltweit mit dem modernen Streben nach Freiheit verhält – welche Ursachen es hat, welche Wechselwirkung und Konsequenzen damit verbunden sind. Das Buch ist voll gepackt mit spannender Beweisführung, die exemplarisch vorgestellt wird. Vieles ist leicht verständlich, es wird aber auch einen kleinen Ausflug in die Analyse von Statistiken geben. Das kann nicht schaden, da uns heute sogar Zahnpasta und Joghurt von Wissenschaftler_innen verkauft werden.

Aber vor allem: Welzel entwickelt eine Emanzipationstheorie, die der bisher vorgestellten sehr ähnlich ist – ein weiteres Indiz, dass wir uns nah an der Realität bewegen. Welzel arbeitet mit Amartya Sens ‘capability approach’ als Grundlage, welcher ebenfalls einen sehr stark empirischen Hintergrund hat. Es fehlt nun nur noch etwas an Wissenschaftskritik und Herrschaftskritik. Kapitalismuskritik fehlt sogar gänzlich, aber es wird sich zeigen, dass sein Ansatz absolut kompatibel ist. So ergibt sich die Aufgabe für diese Veranstaltung Welzels starke Beweisführung mit einer kritisch-realistischen, emanzipatorischen Perspektive zu verknüpfen.

Welzel, Christian (2013) Freedom Rising – Human Empowerment and the Quest for Emancipation. Cambridge, N.Y.

Es gab die Idee, noch ein Zweites Buch vorzustellen, was aber aus Zeitgründen nicht möglich sein wird. Für besonders Neugierige soll es hier jedoch kurz beschrieben werden: Es handelt sich um „Gleichheit ist Glück (2010)“ der Ernährungswissenschaftlerin Kate Pickett und des Wirtschaftshistorikers Richard Wilkinson. Sie nutzen darin ebenfalls große Datenmengen, um gesamtgesellschaftliche Nachteile von Ungleichheit zu belegen - also nicht die ohnehin bekannten Nachteile für die Verlierer_innen – und zeigen, wie es mancherorts besser läuft als anderswo. Das Buch richtet sich an all jene, die sich nicht als Betroffene empfinden, und jene, die glauben es gäbe keine Alternative zu Ungleichheit. Der empirische Teil kann in diesem Sinne auch für eine emanzipatorische Linke eine gute Argumentationsgrundlage sein. Allerdings fehlt es der Analyse auch hier an aktueller kritischer Sozialtheorie. Das heißt, dass es ohne eine Verknüpfung mit einer kritisch-realistischen, emanzipatorischen Perspektive eher naiv und zahnlos im Kampf gegen Ungleichheit wirkt – bzw. als Aha-Effekt für herzenswarme Lippenbekenntnisse.

Wilkinson, R. & K. Pickett (2010) Gleichheit ist Glück – Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind. Tolkemitt, Berlin

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Nach der VA:

Im Zuge der konkreten Vorbereitung der Veranstaltung, und des erneuten Lesens im Buch von Welzel, stellte sich heraus, dass seine Emanzipationstheorie doch nicht so anknüpfungsfähig ist, wie gedacht. Die in den vorigen Veranstaltungen entwickelte herrschaftskritische Perspektive hat zwar durchaus einige Gemeinsamkeiten mit jener von Welzel (sowohl wissenschafts- als auch sozialtheoretisch), aber in entscheidenden Punkten zeigen sich doch erhebliche Unterschiede.

Die Gemeinsamkeiten sind folgende:
- Welzel ist ohne Zweifel ein Realist, der das Handeln von Individuen, und die Effekte von gesellschaftlichen Strukturen in ihrer Wechselwirkung reflektiert.
- Er unterscheidet deutlich individuelle und kollektive Handlungsebenen.
- Im Hintergrund von Emanzipation steht bei ihm sowohl Freiheit als auch Gleichheit.
- Emanzipation erfasst er an einigen Stellen als ein universelles Ziel menschlichen Strebens, Empowerment wiederum als ein Mittel zu diesem Zwecke (an anderen leider nicht).

Es gibt jedoch eine sehr grundsätzliche und folgenschwere Problematik, die auf einen Mangel an Interesse für Wissenschaftskritik bei Welzel hindeutet. Die Art und Weise, wie er objektive Forschung und politische Positionierung verknüpft wird weder den traditionellen (Max) Weber’schen Ansprüchen an objektive Sozialwissenschaft gerecht, noch jener Forderung nach kritischer Selbstverortung, wie Sie etwa durch Donna Haraway (4.VA) formuliert wurde. Konkret: Welzel macht normative Setzungen (wie es sein soll) an entscheidenden Punkten seiner deshalb nur scheinbar objektiven Emanzipationstheorie. Mit der Wahl seiner Variablen für den Emanzipative-Werte-Index schlägt er sich auf die Seite der Linken oder Linksliberalen und verwirft offensichtlich eine elitistische oder sozialdarwinistische Interpretation von Freiheit als das Recht auf Reichtum. Im Rahmen aktueller kritischer Sozialtheorie, müsste diese Entscheidung thematisiert und begründet werden, und ihrem Effekt auf die Ergebnisse reflektiert.

Darüberhinaus ist das ganze Buch geprägt von der Suche nach Beweisen für SEINE THEORIEN. Es wird zwar im Klappentext behauptet, er würde auch gegensätzliche Hypothesen testen, aber dies stimmt nur bedingt, weil er naheliegende Alternativen nicht einmal erwähnt. Zu diesem Punkt etwas ausführlicher: Der inhaltliche Dreh und Angelpunkt des Buches ist seine „Sequenztheorie der Emanzipation“, die in etwa besagt, dass zunächst die existentiellen Bedingungen (Not oder Wohlstand) bestimmen, welche individuellen Handlungsgrundlagen existieren („action resources“: Materielle, Wissen, Beziehungen … Strukturaspekte!). Auf Grundlage dieser ergeben sich Handlungspielräume, im Rahmen derer die Individuen mehr oder weniger frei agieren. So entwickeln sie emanzipative Werte und lernen diese zu schätzen. Mit der Wertschätzung kommt der Wunsch oder Drang nach mehr Freiheiten (bis hier Handlungsaspekte), welcher tendenziell zu einer Zunahme gesetzlich verfasster Freiheiten führt. Auf Grundlage verbriefter Freiheiten können sich auch emanzipative Werte weiter entfalten usw. (politische Emanzipation … wieder Strukturauspekt). Das klingt intuitiv sehr schlüssig und nebenher bei einer Limo erzählt wäre das sicher eine tolle Idee. Aber bei genauem Hinsehen wackelt das Konstrukt erheblich. Und Welzels eigene Tests liefern dafür Anhaltspunkte. Z.b. überprüfte er die Auswirkung des (mehr oder weniger) Vorhandenseins von Bürgerrechten in einem Jahrzehnt auf die (mehr oder weniger) starke Ausprägung emanzipativer Wertvorstellungen im darauf folgenden Jahrzent (global). Das Ergbnis zeigte keine signifikante Wirkung, was dem letzten Schritt seiner Sequenztheorie widerspricht. Vorhandene gesetzliche Freiheiten sollten zu einem stärkerem Wertschätzung von Freiheit führen, was aber scheinbar nicht tun.

Zu der Frage nicht getesteter alternativer Ursachen für einen wachsenden Trend zu freiheitlichem Denken. Hier fällt mir zumindest als erstes Kapitalismus ein, als einen starken historischen Trend mit starker Eigendynamik. Ein „Kapitalismus-Index“ könnte z.B. aus der relativen Ausdehnung von Kapital, Waren, Dienstleistungs- und Arbeitsmarkt bestehen. Auch wenn Marx sicher kein Freund des Kapitalismus war, so legt doch seine materialistische und historische Perspektive nahe, das die (Re-)Produktionsbedingungen starken Einfluss auf Wertvorstellungen haben sollten, sich also z.B. positiv oder negativ auf den Wunsch nach Emanzipation auswirken könnten. Auch wenn bei einer solchen Untersuchung schlechte Neuigkeiten für emanzipatorische Akteure herauskämen – also in etwa ein paradoxe Abhängigkeit und zugleich Einschränkung emanzipatorischer Politik vom Kapitalismus – so wäre es doch eine wichtige Erkenntnis, mit der wir ggf. lernen müssen, umzugehen (z.B. indem die Abschaffung des Kapitalismus etwas nach hinten gerückt wird auf der Agenda). Das Wort Kapitalismus kommt bei Welzel jedoch nirgends vor. Die Begriffe Macht und Herrschaft kennt er jedoch, aber eine Auseinandersetzung mit diesen vielseitigen Begriffen zeigt er ebenfalls nicht. So ist sein Verständnis von Macht und Herrschaft, und letztlich von Emanzipation extrem verkürzt. Er kennt nur emanzipative Werte, vertreten durch 12 eher mittelmäßig geeignete 12 Variablen, bzw. Fragen aus dem World Values Survey, und Emanzipation als Gesetze für individuelle Freiheiten. Das Emanzipation von Herrschaftsstrukturen auch jenseits von Gesetzen stattfindet und stattfinden muss, lässt sich auch in seiner umfassenden Testreihe erkennen, fliesst aber nicht in seine Sozialtheorie ein. Diese bleibt etwas altertümlich einer pseudo-objekten Grundhaltung verbunden, welche ‘emanzipative Werte’ als reinen Betrachtungsgegenstand, also gänzlich unabhängig von seiner persönlichen Haltung darstellt. Das diese Studie aber (wie überhaupt gar) keine rein objektive ist, sondern auf politisch relevanten Setzungen (Hypothesen, Fragestellungen) beruht ist hoffentlich deutlich geworden.

Fazit: Ich muss diesen Lesetipp relativieren. Das Buch ist kein Must-Read der emanzipatorischen Linken, sondern eher ein Fall für linke Statistiker_innen. Viele seiner Fragen und statistischen Tests sind durchaus spannend. Ihren Gehalt zu bewerten und daraus Schlüsse für emanzipatorische Politik zu ziehen ist sicherlich lohnend, aber voraussetzungsvoll. Es gibt aus meiner semi-qualifizierten Sicht zumindest 4 zentrale (zum Teil banale) wissenschaftlich belegte Erkenntnisse, die ich an dieser Stelle noch hervorheben möchte.

1 Emanzipative Werte und gesetzliche Freiheiten haben global Aufwind in den letzten 30 Jahren.
2 Es gibt sowohl starke globale Gemeinsamkeiten, als auch Unterschiede in diesem Trend.
3 Die grundsätzliche Wertschätzung individueller Freiheiten ist kein westliches, bzw. kulturell oder religiös bedingtes Phänomen, sondern universell und abhängig von existentiellen Lebensbedingungen.
4 Emanzipation, zumindest die politische, erfordert bestimmte Handlungsgrundlagen, und, damit verbunden, Spielräume.

Welzels theoretische Konstrukte können jedoch getrost verworfen werden. Sie sind überzogen (zu starke Thesen auf zu wackeligen Füssen), widersprüchlich (zB. in der Bedeutung von Empowerment), basieren auf verkürzten Begriffen (Macht, Herrschaft, Emanzipation) und sind deshalb irreführend für eine emanzipatorische Perspektive. Es drängt sich der Verdacht auf, dass hier Karriere mit einem neuen Trendthema gemacht werden will.