Wednesday, November 11, 2015

Wann ist Empowerment emanzipatorisch?

Vortrag und Diskussion (KüfA + Bar)

Dienstag, 17.11.2015 – 20 Uhr
JUP, Florastr.84, 13187 Berlin – Zugang übers Café

Diesmal gibt es einen Einblick in die Untiefen des Begriffes „Empowerment“. Wir schauen dazu in eine kleine Schatztruhe, bzw. einen völlig unbekannten Text von Tom Inglis (nein, nicht der evangelikale Superspinner), sowie in eine feministische Diskussion des Begriffes von der Queen of Intersectionality, Nira Yuval-Davis (Autorin des globalen Bestsellers „Gender and Nation“). Es geht darum verschiedene Bedeutungen im Kontext von „Minderheitenpolitik“, Pädagogik/Psychologie, Management und Entwicklungshilfe zu beleuchten. Mit den unterschiedlichen Verwendungsbereichen sind auch zum Teil widersprüchliche Definitionen verknüpft. Unsere beiden Autor_innen haben jedoch eine für emanzipatorische Politik und kritisch-realistische Wissenschaft sehr brauchbare Perspektive und Lösungsvorschläge.

Zunächst wird der Begriff als Beschreibung von politischen Praxen oder Prozessen eingeengt, und von ‘Emanzipation als politischer Zielrichtung’ klar abgegrenzt – wofür sowohl inhaltliche als auch strategische Argumente vorgebracht werden. Dann wird weiter zwischen ‘Empowerment als Top-Down Prozess’ und ‘Empowerment als Bottom-up Prozess’ unterschieden. Mit Rückgriff auf die letzten Veranstaltungen wird also grob herausgearbeitet, wie sich die Begriffe Empowerment und Emanzipation optimal ergänzen (können, müssen) – also wie mit den beiden Formen von ‘Empowerment’ die konkrete, plurale (partikulare) Ermächtigung in der bestehenden Ordnung erfassbar wird, bzw. wie die negativ bestimmte (universelle) Befreiung von Herrschaftsverhältnissen mit dem Begriff ‘Emanzipation’ besetzt werden kann. Im Anschluss besteht wie immer die Möglichkeit zu inhaltlicher und strategischer Kritik und Diskussion.

Yuval-Davis, Nira (1994) Women, Ethnicity and Empowerment. Feminism & Psychology. Vol 4.1: 179-197
Inglis, Tom (1997) Empowerment and Emancipation. Adult Education Quaterly, Vol. 48.1: 3-17

………………………………………………..

nach der VA:

In einer gut besuchten Veranstaltung kam es zu meiner großen Freude zur reger Einmischung, Kritik, Ergänzungen und Diskussion. Der Reihe nach: Mit Tom Inglis haben wir uns die Empowerment-Praxis in der Pädagogik, Psychologie und dem Management angeschaut, und sind ihm bei seiner Erweiterung der „Pädagogik der Unterdrückten“ zur „Pädagogik der Macht“ gefolgt, in welcher Empowerment notwendig mit Macht- und Herrschaftskritik, sowie emanzipatorischen Zielen verknüpft ist. Dann ging es mit Nira Yuval-Davis weiter zur Kritik von Multikulturalismus, Identitäts-, bzw. Ethnopolitik und Gemeinschaftsideologie. Damit hinterfragt sie die politische Praxis im Community-Empowerment. Mit diesem Hintergrund, bzw. den Ergebnissen der letzten Veranstaltung(en) wurde Anhand folgender Grafik eine Co-Definition von Empowerment und Emanzipation vorgeschlagen.

emem.jpg

Die Unterteilung in 4 Ebenen entspricht den 4 Ebenen in Derek Layders Theorie des Sozialen (VA-Nr. 9). Die oberste erfasst die gesellschaftlichen Strukturen als allgemeinen Rahmen, also jene allgegenwärtig wirksamen Strukturen, die nur langfristig verändert werden können. Dies sind z.B. historisch gewachsene Aspekte wie Sprache, Technologien und informelle Institutionen (ungeschriebene Gesetze, tradierte Verhaltensregelns). Auf dieser Ebene sind aber vor allem auch Herrschaftsstrukturen als verstetigte asymetrische Beziehungen (Über-unterordnung) bestimmbar. Um diese geht es schließlich in emanzipatorischer Politik. Emanzipation wird als Negation der Herrschaftsverhältnisse auf dieser allgemeinsten Ebene bestimmt. Eine realistische Analyse ist hier unverzichtbar. Dafür bedarf es einer Einigung über wissenschaftstheoretische Grundfragen und Methoden, sowie eine abstrakte ethische Grundlage - einen für linke Bewegungen konsensfähigen ethischen Imperativ, der wiederum rational/empirisch und intuitiv/emotional begründbar ist - wie in etwa ‘Geniesse das Leben und helfe anderen ein genussreiches Leben zu führen (VA-Nr. 3)’. Ist dies möglich bekommen die globalen linken Bewegungen mit ‘Herrschaft’ ein gemeinsames klares Feindbild, bzw. eine gemeinsame klare Ausrichtung (abstrakte Ziele!): ‘Emanzipation’.

Was dies konkret bedeutet ist sinnvoller Weise getrennt zu betrachten, damit das Gemeinsame nicht in den notwendigen Auseinandersetzungen um das Konkrete (das Normative oder wie es stattdessen sein soll) untergeht. Die ‘konkreten’ gesellschaftlichen Strukturen erfasst schließlich die Zweite Analyseebene. Konkrete Menschen befinden sich demnach in konkreten Verhältnissen. Sie werden von konkreten Gesetzen, konkreten Diskursen, bzw. konkreten Machtverhältnissen befähigt und eingeengt. Emanzipatorische Projekten und Kampagnen zielen auf die emanzipatorische Veränderung dieser konkreten Verhältnisse ab (konkrete Ziele!). Wieweit diese als emanzipatorisch zu werten sind, hängt von ihrer Ausrichtung im Bezug auf Herrschaftsverhältnisse ab. Der Anspruch auf realistische Analyse ist dabei unverzichtbar, um Handlungsspielräume realistisch zu erfassen.

Die Dritte Ebene erfasst das konkrete Handeln, die Interaktion in konkreten Begegnungen, egal ob eine halbe Sekunde oder von mehren Stunden Dauer, ob einmalig oder über Jahre wiederholt. Für ein möglichst realistisches Weltbild ist die genaue Beobachtung der konkreten Begegnungen von herausragender Bedeutung. Auf der Ebene der Interaktion ist emanzipatorisches Handeln konkretes “parteiliches” Eingreifen in Konflikte um materielle Ressourcen, Aufmerksamkeit, Entscheidungen und das Setzen von kollektiven Deutungen und Zielen. Hierbei ist sowohl die Richtung, als auch die Art und Weise dieses Eingreifens (respektvoll, selbst-kritisch) entscheidend. Emanzipatorisches Handeln richtet sich gegen die allgemeinen Herrschaftsverhältnisse (1.) und hat konkrete emanzipatorische Ziele (2.). Empowerment wiederum ist Voraussetzung und Mittel für emanzipatorisches Handeln, weil die Handlungsfähigkeit in den konkreten Begegnungen von Fähigkeiten und Ressourcen abhängt, die mobilisiert werden können. Dies gilt für Individuen, genauso wie für Kollektive. Empowerment ist deshalb wesentlicher aber nicht einziger Bestandteil von emanzipatorischer Praxis, allerdings nur, sofern Empowerment auch mit emanzipatorischen Zielen verknüpft ist. Wichtig ist die Unterscheidung in Top-Down und Bottom-Up Empowerment in der Praxis, da diese höchst unterschiedliche Herausforderungen in Verbindung mit der emanzipatorischen Ausrichtung mit sich bringen.

Auf der 4ten, individuellen Ebene - d.h. im Bezug auf die einzelne Person mit ihrer individuellen Entwicklung als Voraussetzung des Handelns (Fähigkeiten, Angewohnheiten, Denkweisen, Emotionen) – bedeutet Emanzipation klassischer Weise, sich aus Abhängigkeiten zu lösen. Manche Emanzipationstheorien sehen diese als die einzige Ebene wirksam Gesellschaft zu verändern, und sparen sich die Mühen in der Erfassung von Gesellschaft über Interaktion, konkrete und allgemeine Strukturen. Sofern sich diese 4 Betrachtungsebenen jedoch ergänzen, ist die Veränderung des Selbst als emanzipatorische Praxis ein enorm wichtiger und realistischer Ansatz. Empowerment ist wiederum Voraussetzung und Mittel für die zielbewußte Veränderung des Selbst. Empowerment hinzu selbstbewußten und selbstkritischen Individuen lässt sich zwar schlüssig mit Herrschaftskritik und Emanzipation als übergeordneter Zielsetzung verbinden. Diese Verbindung ist aber nicht automatisch gegeben, wie einige heute verbreitete Empowerment Ansätze zeigen (Stichworte: Ich-AG oder flache Hierarchien in Unternehmen).

Angemerkt wurde z.B., das emanzipatorisches Empowerment im Bildungskontext besonders schwierig zu bewerkstelligen, da die Dozent_in (Lehrer_in) mit der Vermittlung von Machtwissen auch die eigene Position untergräbt, sich also ggf. den beruflichen Alltag zusätzlich erschwert.

Diskutiert wurde, ob emanzipatorisches Empowerment als Top-Down-Ansatz überhaupt Sinn macht, worüber sich aber geeinigt werden konnte, insofern viele Beispiele für die Möglichkeit, Notwendigkeit und den etwaigen Erfolg aus Praxis und Alltag aufgezeigt werden konnten.

Ungeklärt blieb die Frage, ob Emanzipation in seiner Kernbedeutung tatsächlich nur rein negativ definiert werden kann oder sollte - also im Kern nicht als konkretes politisches Projekt bestimmt, sondern nur als Ablehnung (Negation) von Herrschaftsverhältnissen. Wir werden spätestens im Rahmen der 16. (vorerst letzten) Veranstaltung darauf zurückkommen, wo es um den Versuch geht, diese Definition von Emanzipation mit Ulrich Brands und Nancy Frasers Perspektive auf emanzipatorische Politik in Bezug zu bringen.