Thursday, October 29, 2015

Was bedeutet Emanzipation?

Vortrag und Diskussion (KüfA + Bar)

Dienstag, 03.11.2015 – 20 Uhr
JUP, Florastr.84, 13187 Berlin – Zugang übers Café

Zum Einstieg in die 13te Veranstaltung der Reihe gibt es einen sehr kompakten historischen Abriss über das Aufkommen des Emanzipationsbegriffes im Kontext der Ideen von Freiheit und Gleichheit. Mit diesem Hintergrund nähern wir uns dann einer aktuellen Definition von Emanzipation. Diese muss vor allem zwei Dinge leisten: Sie sollte einen Bezug zu dem haben, was aktuell unter Emanzipation – zumindest im Deutschen und Englischen - verstanden wird, muss aber auch kritisch-realistischer Wissenschafts- und Sozialtheorie gerecht werden. Für ersteres müssen verschiedene Enzyklopädien und Suchmaschinen herhalten. Für Letzteres werden kurzerhand naheliegende Konsequenzen aus den bisherigen Veranstaltungen gezogen. Ob diese Kriterien gleichzeitig erfüllbar sind und das Ergebnis strategisch Sinn ergibt könnten wir im Anschluss diskutieren.

Textgrundlage ist diesmal die Literatur der vergangenen Veranstaltungen. Es wird allerdings an der ein oder anderen Stelle auch ein Buch von Ernesto Laclau („Emanzipation und Differenz“) eine Rolle spielen, das 2013 in deutscher Sprache erschienen ist. Hier wird der Begriff Emanzipation vor allem im Kontext der Auseinandersetzungen um Universalismus und Pluralismus diskutiert.

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Nach der VA:

Mit nur einem Gast war die eigentlich wichtigste Veranstaltung der Reihe die am schlechtesten besuchte. Trotz etwas Frust hier ausnahmesweise mal eine Zusammenfassung der Ergebnisse … weil es so wichtig ist.

Mit Ernesto Laclau (s.o.) halten wir an der Faustregel fest, dass ein gemeinsames politisches Projekt unterschiedlichster Befreiungsbewegungen vor allem durch einen “negativen” oder “leeren” Universalismus möglich wird. Das heisst, das ‘Emanzipation’ als gegen herrschaftliche Beziehungen gerichtet definiert werden sollte. Oder andersherum: Jeder Versuch, ‘Emanzipation’ als EIN konkretes politisches Projekt zu bestimmen, erzeugt unnötigen, tendenziell eurozentrischen Ausschluss. Genau dadurch bekommt ‘Herrschaftskritik’ eine wichtige, zentrale Rolle für emanzipatorische Politik.

Ergänzt werden muss jedoch, dass hinter einer negativen Definition von ‘Emanzipation’ zwangsläufig eine konkrete Werthaltung steht, die auch benannt werden muss, z.b. in Form eines aktuellen “maximalen Moralprinzips” wie etwa: „Geniesse das Leben und helfe anderen ein genussreiches Leben zu führen (Mario Bunge, siehe VA von 28.4.2015)”. Denn, ohne einen ethischen Realismus bleiben auch abstrakte positive Leitbegriffe (Freiheit, Gleichheit) ohne Begründung, also austauschbar.

Ausserdem wurde grob herausgearbeitet wie der Begriff ‘Emanzipation’ historisch verknüpft ist, zum Einen, mit konkreten kollektiven Bestrebungen nach Freiheit und Gleichheit und, zum Anderen, mit individueller Befreiung aus Abhängkeiten. Zudem geistert ‘Emanzipation’ seit der Verwendung durch Karl Marx als Idee universeller menschlicher Befreiung durch linke Debatten. Den Begriff als politischen Fixpunkt für eine globale Linke zu erschliessen scheint deshalb sinnvoll, darf aber als eine konkrete Aufgabe betrachtet werden, die sich mit Sicherheit nicht von selbst erledigt.

Mit diesem Hintergrund wurde grob folgende Definition für Emanzipation auf 4 sozialen Ebenen vorgeschlagen:

1. Im Kontext gesamtgesellschaftlicher Aspekte, d.h. - neben Sprache, Technologien, Klima, Ressourcenknappheit etc. - vor allem im Kontext von verstetigten Unter-/Überordnungsbeziehungen (Kapitalismus, Patriarchat, Post-koloniale …) … bezieht sich Emanzipation auf die langfristige, gegen Herrschaft gerichtete Veränderung der allgemeinen Verhältnisse in denen der Mensch ein geknechtetes, verächtliches … usw.

2. Im Bezug auf die konkreten sozialen Rahmenbedingungen - gemeint sind an einem bestimmten Ort und zu einem bestimmten (historischen) Zeitpunkt wirksame Gesetze, Konventionen, Diskurse etc. - richtet sich Emanzipation gegen konkrete Erscheinungen und Auswirkungen von Herrschaftsverhältnissen im Kampf (und ggf. Spiel) um Handlungsspielräume. Emanzipation als universelle Ausrichtung richtet sich auch gegen andere Formen Über-/Unterordung, die zwar nicht bestehende, aber dafür potentiell neu entstehende Herrschaftsverhältnisse repräsentieren. Emanzipation bedeutet also auch nicht das Ersetzen einer Elite durch eine andere.

3. In den konkreten Begegnungen (Interaktion) bedeutet Emanzipation konkretes “parteiliches” Eingreifen in Konflikte um materielle Ressourcen, Aufmerksamkeit, Entscheidungen und das Setzen von kollektiven Deutungen und Zielen. Hierbei ist sowohl die Richtung (emanzipatorisch, wie oben), als auch die Art und Weise dieses Eingreifens (respektvoll, kritisch) entscheident. Emanzipatorisches Handeln in diesem Sinne ist nicht voraussetzungsfrei, bzw. erfordert Handlungsspielraum. Ein auf den “Genuss des Lebens (für alle)” abzielendes, emanzipatorisches Handeln ist unter lebensbedrohlichen Umständen kaum möglich.

4. Auf der individuellen Ebene - d.h. im Bezug auf die einzelne Person mit ihrer individuellen Entwicklung von Fähigkeiten, Angewohnheiten, Denkweisen und Emotionen – bedeutet Emanzipation klassischer Weise, sich aus Abhängigkeiten zu lösen. Im Rahmen eines politischen Emanzipationsbegriffes, ließe sich dies im Kern zuspitzen auf das Erlangen von Einfluss auf die eigenen Einstellungen, Denkmuster und Angewohnheiten im Sinne Kant’s ‘Autonomie’, im Gegensatz zur hörigen Übernahme solcher. Das setzt jeweils ein Mindestmaß an Verstehen, bzw. dauerhaften Lern- und Erkenntnisprozess voraus als Teil von individueller Emanzipation voraus. In einem materialistischen Realismus kommen als Voraussetzungen für die Beeinflussung des Selbst und der Umwelt noch materielles „Auskommen“, sowie ein emotionales „Klarkommen“ hinzu.