Thursday, September 10, 2015

Anonyme und Elitenherrschaft

Vortrag und Diskussion (KüfA + Bar)

Dienstag, 06.10.2015 – 20 Uhr
JUP, Florastr.84, 13187 Berlin – Zugang übers Café

Die nun bereits 11 Veranstaltung der Reihe beschäftigt sich mit einem Thema, das zumindest unterschwellig eine zentrale Rolle in vielen Auseinandersetzungen im linken Spektrum und an dessen Rändern spielt. Es geht in etwa um die Frage, ob wir vom Staat, Bürokratie, Märkten und dem Kapitalverhältnis unterjocht werden, oder ob es doch bestimmte Personen und Gruppen (Eliten) sind, die die große Mehrheit beherrschen, wie zB. die Fans des Outsiderclubs zu wissen glauben.

Einer vorläufigen Beantwortung dieser Frage nähern wir uns zunächst mit zwei Texten, welche die Idee der Anonymen Herrschaft bedrückend realistisch darstellen. Zum einen erläutert Michael Heinrich (2012) wie das Kapitalverhältnis die Herrschaft aus den Händen der Menschen nimmt – und zum anderen beschreibt Claus Offe (2003) wie weitgehend Systemzwänge die heutige Politik bestimmen. (Eine Vorstellung des “Powercube” entfällt aus Zeitgründen.)

Ein Rückblick auf die Ergebnisse der vorigen Veranstaltung wird helfen die Ideen von unpersönlichen Zwängen vs. Elitenherrschaft zu bewerten, bzw. diese miteinander zu versöhnen, wobei auch feministische Herrschaftskritik, formuliert von Birgit Sauer, entscheidend mitwirken wird. Die Zeit reicht, wie immer, nur für eine sehr grobe Darstellung - das Lesen der Texte wird wärmstens empfohlen.

Heinrich, Michael (2012) Individuum, Personifikation und unpersönliche Herrschaft in Marx’ Kritik der politischen Ökonomie. In: Elbe/Elmers/Eufinger (Hg.) Anonyme Herrschaft – Zur Struktur moderner Machtverhältnisse. Westphälisches Dampfboot, Münster

Offe, Claus (2003) Politische Herrschaft und Klassenstrukturen – Zur Analyse Spätkapitalistischer Gesellschaftssysteme. In: Offe, Claus (Hg.) Herausforderungen der Demokratie – Zur Integrations- und Leistungsfähigkeit politischer Institutionen. Campus, Frankfurt/New York

Sauer, Birgit (2012) „Die hypnotische Macht der Herrschaft“ – Feministische Perspektiven
In: Imbusch, Peter (Hg.) Macht und Herrschaft - Sozialwissenschaftliche Theorien und Konzeptionen (2.Auflage). Springer, Wiesbaden

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nach der VA:

Trotz Kürzung im Vorfeld war es diesmal nötig einige Punkte zu überspringen, um rechtzeitig zur Küfa zu gelangen (ohne Mampf keine Kampf). Dafür gab es eine recht rege Diskussion um die Kernfragen, die ich hier kurz mit einigen wichtigen Aspekten des Vortrages wiedergeben möchte.

Im Bezug auf Michael Heinrichs Text habe ich eine Kritik formuliert, die ihm in etwa vorwürft die faktische Verbindung des “Automatischen Subjektes” (das sich selbst verwertende Kapital) mit konkreten Interessen von konkreten Personen und Gruppen (zb.: Hunderttausende von Rentner_innen in Rentenfonds) theoretisch weg zu definieren, anstatt an einer Theorie zu arbeiten, die das Faktische integrieren kann. Mit anderen Worten: Heinrichs Kapitalismuskritik erklärt nur die unpersönliche Seite - die Verselbständigung der gesellschaftlichen Bewegung - und spricht alle Beteiligten implizit frei von jeder Verantwortung. Oder zumindest gibt es bei ihm keine theoretische Grundlage für ein verantwortliches Handeln - lediglich “Bildungselement einer neuen […] Gesellschaft (MEW23/526)”, wie etwa zunehmende Bildung und Ansprüche der Arbeiter_innen mit fortschreitender Entwicklung.

Daran wurde von Besucher_innen bemängelt, dass eben jene Rentner_innen nun gar keinen Einfluss auf die Entscheidungen in Rentenfonds hätten, worauf ich entgegnete, dass, wenn dem so sei, doch zumindest die konkreten Interessen von Fondsmanager_innen und Trader_innen an deren Stelle treten würden. Diese wie jene sind nicht zufällig hoch kompatibel mit dem Selbstverwertungsprinzip des Kapitals, aber auch nicht deckungsgleich. Das Kapital hat kein “Interesse”, dass Manager_innen und Trader_innen hohe Boni abzweigen, um sich Tonnen von Kokain auf schicken Jachten mit Pool durch die Nase zu ziehen, genauso wenig wie es “Interesse” an der Reproduktionsfähigkeit der Arbeiter_innen hat. Es “möchte” lieber noch größer werden und noch mehr gewinnbringend reinvestieren … insofern mensch eben überhaupt von “Interessen” sprechen kann. Interessen, (Intentionen) und Deutungen (Interpretationen) sind etwas menschliches - ein kognitive Leistung - und ohne eine brauchbare Theorie zu deren Gesellschaftlichkeit kann auch nicht behauptet werden, dass sie keine Rolle spielen würden (was Heinrich nicht tut, er schweigt lediglich dazu). Hartwig Schuck führt dazu die Jeffrey C. Isaacs Theorie der “Realinteressen” ein, mit der die Unterscheidung von subjektiven (”viel Geld”) und objektiven Interessen (”Kapitalismus abschaffen”) ergänzt. Mit Realinteressen erscheint die Arbeiter_in, die keine Zeit und Lust hat sich mit Kapitalismuskritik zu befassen, nicht als irrational. Der strukturelle Rahmen bedingt für jede soziale Position rationale Haltungen, wie etwa “Es muss ja weitergehen.”, die nicht einfach als Ideologie abgetan werden können (bei Heinrich ist Sachlogik “ver-rückt”, also gleich Fetischismus). Diese Theorie der Realinteressen halte ich für den Schlüssel zum Verständnis der Verbindung von bewußter, rationaler Intentionalität (und Verantwortung) und der “Verselbstständigten” gesellschaftlichen Bewegung. Realinteressen beschreiben eine bewußte Anpassungsleistung, sind aber auch eine Grundlage für Zweifel, Kritik und Wandel, insofern hier ein permanenter Abgleich mit der Realität stattfindet, durch welchen die Unterordnung unter die Verhältnisse auch immer wieder in Frage gestellt werden kann (durch reale Widersprüche, zu großen Druck, Gewalterfahrung etc.). Alternative Entscheidungen, bzw. solche, die einem konkreten Kapitalverwertungsprojekt entegen stehen, sind möglich und vielfältig nachweisbar. Im Rahmen von Realinteressen können Menschen sich umorientieren, z.B. weil ihr Job sie krank oder einfach unglücklich macht, oder weil die Jacht mit Pool langweilig und bedeutungslos wird.

Letztlich gibt es im Marxismus seit langem ein doppelt selbstrefenzielles Moment, das mit der fehlenden Erfassung von Intentionalität als (einer) Ursache von gesellschaftlicher Entwicklung verknüpft ist: Selbstreferenziell (sich selbst reproduzierend) wird der Kapitalismus gedacht, und, selbstreferenziell ist die Methodik der Kritik der Politischen Ökonomie: Die scheinbar unerschütterliche Kohärenz wird dadurch erhalten, dass sich zum Beispiel die widerständigen Praxen von Arbeiter_innen im nachhinein als überlebenswichtig für den Kapitalismus darstellen lassen und somit dem “System Kapitalismus” einverleibt werden können. Kernziel einer solchen Analyse ist weder eine realistisches “Bild” der Wirklichkeit, noch eine Theorie emanzipatorischen Handelns, sondern eine in sich geschlossene, kohärente (wahre) Theorie als wasserdichte Grundlage für eine antikapitalistische Haltung. Das Problem daran ist sicherlich nicht der Antikapitalismus, sondern die glaube ich schwer begründbare Prioritätensetzung auf Kapitalismus als zentrale Gegenstand der Sozialtheorie (Herrschaft ist m.E. die politisch sinnvollere).

Inwiefern Intentionen, verbunden mit kritischem Bewußtsein, auf höheren und höchsten Ebenen wirksam werden können, ist wiederum auch wesentlich eine Frage der “Systemstabilität” - ein Kernthema in Claus Offes Text. Auch er stellt sich die Frage, ob es in modernen Wohlfahrtstaaten noch herrschende Gruppen gibt und beantwortet diese mit “Nein, aber …”. Dazu beschreibt er konkrete systemstabilisierende Filtermechanismen im Rahmen der wichtigen politischen Institutionen “Partei, Parlament und Interessenverband/Gewerkschaft”. Beispiele für solche Filtermechanismen wären der Kooperationszwang der Regierungsfraktionsmitglieder mit den Entscheidungen der Regierung, oder noch weiter, der Ersatz der politischen Willensbildung in den Parlamenten durch technokratische (Vor-)Entscheidungen von Ministerialbeamten usw.. Als systemstabilisierend wirken laut Offe konkret “3 strukturelle Vermeidungsimperative”, die allen partikulären (persönlichen) Interessen übergeordnet sind: Diese sind: a) Ökonomische Stabilität, d.h. Wachstum und Steueraufkommen; b) Aussenschwirtschaftliche und Aussenpolitische Stabilität (z.B. Aussenhandelsbilanz); c) innpolitische Stabiltät, bzw. Massenloyalität. Diese imperative sorgen auch unter anderem dafür, dass alle regierungswilligen politischen Parteien einem Konformitätsdruck unterliegen, der zu einer tendenziellen Angleichung der Programme führt. Damit beschreibt Offe die unpersönlichen Systemzwänge durchaus kompatibel mit Heinrichs Neomarxismus, und macht dabei den gleichen Fehler: Er beschreibt zwar, inwiefern die “Leistungsträger_innen” in diesen modernen Wohlfahrtstaaten privilegiert sind durch diese Systemzwänge, beschäftigt sich aber nicht damit, wie diese ihre Vorteile konkret nutzen, bzw. in welchem Maße das Ausnutzen dieser Vorteile selbst systemstabilisierend wirkt, bzw. welche Möglichkeiten sich ergeben, wenn diese Vorteile politisch eingeschränkt, oder aus eigenem Antrieb nicht ausgenutzt werden. Ich sage bewußt dass dies eine “Fehler” ist, weil durch die uneingegrenzte Darstellung der Systemzwänge kein realistisches Bild politischer Handlungsmöglichkeiten ensteht. Da hilft auch nicht, eine grundsätzliche Offenheit (Kontingenz) der Entscheidungen und gesamtgesellschaftlichen Entwicklung zu konstatieren. Es fehlt auch hier (in diesem Text von Offe) eine Handlungstheorie, die sich mit diesen durchaus realen Systemzwängen verknüpfen lässt.