Thursday, July 2, 2015

Kapitalismus und Krise

Vortrag und Diskussion (KüfA + Bar)

Dienstag, 07.07.2015 – 20 Uhr
JUP, Florastr.84, 13187 Berlin – Zugang übers Café

Und noch ein heißes Thema für die letzte Veranstaltung vor der Sommerpause: Kapitalismus. Was läßt sich in einer guten Stunde sinnvoll zu diesem gigantischen Themenkomplex sagen? Wir werden uns zum einen erklären lassen, warum Kapitalismus unbedingt überwunden werden muss – von einem, der das mit am besten kann (nicht persönlich): Michael Heinrich hat u.a. eine viel-gelesene Einführung in Marx Kritik der politischen Ökonomie geschrieben, die Aufgrund der analytischen Tiefe, der nachvollziehbaren Sprache und dem hohen Grad an Aktualität viel Lob und Aufmerksamkeit bekommen hat. Vorgestellt wird aber ein 2010 veröffentlichter Text von ihm, der gut verständlich und schlüssig die Marxsche Kritik auf die aktuelle(n) Krise(n) des Kapitalismus anwendet. Dieser erfasst, kurz und knackig, den wesentlichen Beitrag eines zeitgemäßen Marxismus für die aktuelle Krisendebatte.

Dazu steht ein Text von Nancy Fraser (2011) auf dem Menü. Dieser versucht ausdrücklich eine auf Ökonomiekritik reduzierte Sozialtheorie zu vermeiden. Sie stellt eine an Karl Polanyi (The Great Transformation, 1944) angelehnte Theorie der Dreifachbewegung von Liberalismus, Protektionismus und Emanzipation vor. Mit dieser stärker empirischen und akteurs-bezogenen Perspektive bringt sie die Analyse von Kapitalismus und dessen Krisen näher an die politische Realität. Außerdem stärkt sie die Handlungsfähigkeit emanzipatorischer Akteure, gegenüber einer Perspektive, die nur eines kennt: Kapitalismus abschaffen. Wie die radikale Kritik am Kapitalismus in eine emanzipatorische Perspektive einfließen kann und muss, lässt sich im Kontrast der beiden Texte erahnen und könnte z.B. im Anschluss diskutiert werden.

Heinrich, Michael (2010) Kapitalismus, Krise und Kritik - Zum analytischen Potential der Marxschen Theorie. In: associazione delle talpe / Rosa Luxemburg Initiative Bremen (Hrsg.): Maulwurfsarbeit – Aufklärung und Debatte, Kritik und Subversion angesichts der gegenwärtigen Krise. Url: http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/rls_papers/Papers_Maulwurfsarbeit.pdf

Fraser, N. (2011). Marketization, social protection, emancipation: toward a neo-Polanyian conception of capitalist crisis. In: Business as usual: The roots of the global financial meltdown, 137-158. (gibt’s auch im Netz)

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Nach der VA:

In einer kurzen Diskussion im Anschluss wurden wir uns einig, dass die beiden vorgestellten Perspektiven theoretisch nicht vereinbar sind, also die eine auf die Überwindung des Kapitalismus hinaus läuft, die andere auf eine Einbettung der Märkte, bzw. eine Unterordung der Märkte unter emanzipatorische Zwecke. Im Sinne eines gemäßigten Pluralismus, wie ihn selbst Mario Bunge (Physik, Wissenschaftstheorie, Emergenter Materialismus, Realismus) einräumt, können diese beiden Perspektiven aber auch nebeneinander Gültigkeit behalten, sofern sie für sich die Voraussetzungen für einen zeitgemäßen (kritischen) Realismus erfüllen.

Ausserdem: Beide haben in unterschiedlicher Weise eine emanzipatorische Tendenz, wobei der Zeitpunkt für eine Befreiung von Kapitalismus in einer unbestimmten Zukunft liegt, das herrschaftskritische Emanzipationsprojekt von Nancy Fraser im Hier und Jetzt. Ohne es an dieser Stelle konkret zu machen, behaupte ich, dass ein politischer Kampf um Emanzipation im Rahmen von Kapitalismus so geführt werden kann, dass er diesen nicht oder möglichst wenig stützt, bzw. dass eine emanzipatorische Bewegung Voraussetzungen schaffen kann, um den Kapitalismus irgendwann zu überwinden. Das bedeutet, dass die beiden Perspektiven zwar nicht theoretisch vereinbar, aber in der politische Praxis sinnvoll zusammenwirken können.

Dazu noch eine Ergänzung …

Axel Honneth, Philosoph und Co-Autor von Nancy Fraser (2003), hielt 2013 einen Vortrag für die Deutsche Börse AG (Markt und Anerkennung, auf youtube), in dem er herausarbeitet, das „der Markt [als] ein moralisch anspruchsvolles und voraussetzungsreiches Unternehmen moderner Gesellschaften“ zu deuten sei. Dazu argumentiert er stichhaltig mit Wissenschaftstheorie, sowohl gegen die Neoklassik als auch neomarxistische Grundannahmen – und postuliert eine notwendige Renaissance des „moralischen Ökonomismus“.

Zu bemerken ist …

1. dass er einen anderen Weg nimmt als Nancy Fraser, die sich mit der Anknüpfung an Karl Polanyi einen Fokus auf politische Prozesse hat, und eine vor allem herrschaftskritische Aufhebung von Protektionismus und Liberalismus vorschlägt (also keine nur Moralische, wie Honneth).

2. dass Honneths Argumentation selbst auf sehr wackeligen Füssen steht: Inwiefern das Marktgeschehen auf Vertrauen zwischen den Vertragspartnern basiert, ist eine zentrale und vielfach bestätigte Hypothese der New Institutional Economics. Es ist schwer zu leugnen, dass die Vertrauensbasis des Marktgeschehens durch moralische Vorstellungen hergestellt werden kann, und da kritisiert er etablierte Theorien zu recht. Es wird jedoch ausgeblendet, dass hinter solchen moralischen Regeln Zwang und Gewalt, Bürokratie und Strafverfolgung stehen. Und diese Ausblendung ist symptomatisch für Regierungsdenken, da die Verinnerlichung von Herrschaftsbeziehungen über selbst gewählte Normen in der Praxis oft nicht bewusst ist, nicht gesehen werden will.

Der Zwang zu fairem Tausch wurde vermutlich schon seit tausenden von Jahren zunächst in Handelszentren durchgesetzt und ist ebenso lang moralisch codiert - vor allem über die sogenannte Goldene Regel. Aber erst in der Moderne hat sich der Zwang zu fairem Tausch zu einem alles umfassenden Regelwerk entwickelt und wirksam auf ganze Staatsgebiete ausgedehnt. Wie sehr der kapitalistische Markt auf diesen Zwang angewiesen ist, lässt sich auch heute gut beobachten, wenn das Marktgeschehen von Staaten verglichen wird, in denen Bürokratie und Strafverfolgung entweder gut und oder eben nicht so gut funktioniert. Selbst da wo faire Tauschbedingungen ohne staatliche Zwang existieren - aber dennoch als Grundlage von systematischer Ungleichheit fungieren - lassen sich andere Formen von dauerhafter Über-/Unterordnung (Herrschaft) finden, die eng mit Moral und Tradition verknüpft sind.