Thursday, May 7, 2015

Kritik, Wissenschaftskritik und kritische Wissenschaft

Vortrag und Diskussion (KüfA + Bar)

Dienstag, 12.05.2015 – 20 Uhr
JUP, Florastr.84, 13187 Berlin – Zugang übers Café

Die ursprüngliche für den Tag geplante Vorstellung einer politischen Konzeption, die auf den vorgestellten Grundlagen der ersten 3 Veranstaltungen aufbaut fällt zunächst aus, zugunsten eines weiteren Grundlagenthemas. Sofern die Reihe nicht wegen mangelnden Interesses eingestellt wird, kommen wir auf den kosmopolitischen Universalismus gegen Ende des Jahres zurück.

Das Thema am 12. Mai wird also sein: (Gesellschafts-) Kritik, Wissenschaftskritik und kritische Wissenschaft. Selbstverständlich wird in der Kürze der Zeit nicht umfassend in die Begriffe und Diskurse eingeführt. Ziel ist lediglich sie grob zu bestimmen und vor allem ihre Bedeutung für linke Politik herauszustellen. Dazu hören wir uns zuerst an, wie Adorno in den 70ern die Negative Kritik u.a. gegen Einheitszwang und Intellektuellenfeindlichkeit verteidigte. Die Frage, inwiefern Kritik konstruktiv sein muss, leitet zu einer erst jüngst bekannter gewordenen Philosophin über: Maeve Cooke argumentiert logisch und empirisch für die Notwendigkeit einer Vision von einer guten (oder besseren) Gesellschaft als Voraussetzung von Kritik - selbst von „rein“ negativer Kritik. Der eigentliche Punkt des hier vorgestellten Textes ist aber die grobe Bestimmung einer kritischen und realistischen Rationalität, denn nicht jede Form von Rationalität ist geeignet für Gesellschaftskritik.

Nach einem kurzen Verweis auf verschiedene kritische Debatten über Wissenschaft, geht es dann mit Donna Haraway in die feministische Wissenschaftskritik. Mit ihrem naturwissenschaftlichen Hintergrund verbindet sie höchst stichhaltig und anschaulich eine realistisches Weltbild mit bestimmten Kritikpunkten an männlich dominierter pseudo-realistischer Wissenschaft aus sozialkonstruktivistischer Richtung, und macht damit nichts weniger als den wissenschaftlichen Realismus auf neue Füße zu stellen. Mit der Vorstellung ihres Konzeptes von „Situiertem Wissen“ ist die Frage nach dem Zusammenhang von Wissenschaftskritik und emanzipatorischer Politik schon so gut wie beantwortet. Sie fordert in erster Linie aber eine neue kritische und selbstreflexive Wissenschaft. Ein Beispiel für die Umsetzung dieser Idee liefert Luc Boltanski: Sein kritischer Anspruch an die soziologische Forschung wird zu diesem Zwecke kurz erläutert. Auch hier soll die enorme politische Bedeutung von Wissenschaftstheorie und wissenschaftlicher Praxis deutlich werden.

Adorno, Theodor W. (1977) Kritik. In: Kulturkritik und Gesellschaft. Bd.2, Teil 3. Suhrkamp
Haraway, Donna (1988) Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective. Feminist Studies, 14/3, S. 575-599
Cooke, Maeve (2009) Zur Rationalität der Gesellschaftskritik. In: Jaeggi/Wesche (Hg.) Was ist Kritik. Suhrkamp
Boltanski, Luc und Axel Honneth (2009) Soziologie der Kritik oder kritische Theorie. Ein Gespräch mit Robin Celikates. In: Jaeggi/Wesche (Hg.) Was ist Kritik. Suhrkamp