Thursday, March 12, 2015

Wirtschaft

Hier beschäftigen wir uns mit wirtschaftlicher Macht. Es geht um Produktionsbedingungen, Märkte, Konsum, falsche Schuldzuweisungen und den Spielraum für emanzipative Strategien. Für den Fall, daß Film und Text parallel verwendet werden, wollen wir darauf hinweisen, daß die Textversion in den Formulierungen leicht vom Gesprochenen abweicht.

Sehr verbreitet ist die Ansicht, daß Gier und Börsenspekulation die eigentlich produktive Wirtschaft zerstöre, nämlich jene der mittelständischen Unternehmen. Wir wollen in diesem Teil unter anderem erklären, warum diese Sichtweise problematisch ist, und vor allem, was das mit Herrschaft zu tun hat?

Schauen wir einmal grob hinter die Kritik an der Spekulation: Hier wird eine Unterscheidung eingeführt zwischen ausbeuterischen und scheinbar nicht- ausbeuterischen Unternehmen. Wer so argumentiert, benutzt den Begriff der Ausbeutung unter rein moralischen Gesichtspunkten. Als ausbeuterisches Unternehmen gelten dann Firmen, die – dem moralischem Empfinden nach - „zu wenig“ bezahlen, gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen bieten, oder gar Kinder beschäftigen.
Wer dagegen Tariflohn bezahlt, recycelte Rohstoffe verwendet und einen Betriebsrat hat, gilt als vorbildlich. Die Frage ist jedoch, ob diese Unterscheidung wirklich so viel Sinn macht, wie allgemein angenommen. Vielleicht verdeckt sie ja mehr, als dass sie erhellt?

Zunächst einmal können wir uns die generelle Frage stellen, warum Unternehmen eigentlich ein Produkt oder eine Dienstleistung anbieten. Denn egal wie ein Unternehmen mit seinen Angestellten oder der Umwelt umgeht, keine Firma produziert aus Menschenfreundlichkeit oder aber weil sie die Kunden beglücken will. Firmen müssen in erster Linie Profit machen! Auch angeblich vorbildliche Firmen. Und auch sie können ihre Produkte nicht an Bedürftige verteilen, egal wie nötig manche Menschen diese Produkte, z.B. Medikamente, auch haben sollten. Solange Unternehmen sich im kapitalistischen Konkurrenzkampf befinden, produzieren sie für diejenigen, die sich die Produkte oder Dienstleistung auch leisten können. Die Bedürfnisse ökonomisch uninteressanter Menschen bleiben außen vor. Daran ändern auch Recycling und Betriebsrat nicht viel.

Auch wenn es für einen Menschen persönlich angenehmer ist, in einem Unternehmen zu arbeiten, das keine Hungerlöhne zahlt und wo man sich nicht zu Tode schuften muss, so ändert dies doch nichts daran daß die Unterteilung in ausbeuterische und angeblich nicht- ausbeuterische Unternehmen über viele der grundsätzliche Probleme hinwegtäuscht. Hierzu gehört etwa, daß im Kapitalismus diejenigen, die etwas herstellen, nicht über das verfügen können, was sie dort herstellen. Das Produkt ist Eigentum der Firma. Was hergestellt, wie und warum, das entscheiden Eigentümer oder ManagerInnen, nicht die sonstigen Angestellten!

Etwas besser sieht es da in Genossenschaften aus, doch auch die unterliegen den beschriebenen Konkurrenzkämpfen.
Aus herrschaftskritischer Sicht kann also auch hier von Ausbeutung gesprochen werden, und zwar im Sinne von nicht- Verfügbarkeit der eigenen Lebens- und Arbeitszeit sowie dem Zwang zur Mehrwertproduktion (bei Abschöpfung des Mehrwerts durch die Eigentümer_innen der Produktionsmittel). Auch wenn es also gewaltige Unterschiede zwischen den Arbeitsbedingungen innerhalb verschiedener Weltregionen sowie zwischen und innerhalb von Wirtschaftssektoren gibt; auf einer grundsätzlichen Ebene finden wir überall die gleichen Grundsätze, nach denen die Wirtschaft funktioniert.

Und noch ein weiteres Problem stellt sich: Das Problem der Überproduktion einerseits und der Notwendigkeit permanenten Massenkonsums, denn wenn nicht viel konsumiert wird, stockt das Wirtschaftswachstum und das Geld, was diesen Prozess am laufen hält, fließt nicht. Arbeiten für den Profit, für das Funktionieren des Wirtschaftskreislaufes, und nicht für Bedürfnisse, gehen so immer weiter. Die Folgen sind bekannt: Überarbeitung auf der einen Seite, Arbeitslosigkeit auf der anderen und eine enorme Aufwendung von Ressourcen für Produkte, die alsbald auf dem Müll landen, damit neue gekauft werden können. Aus dieser Spirale kann kein Unternehmen entrinnen.

Ebenso müssen – damit dieser Kreislauf funktioniert - immense Summen investiert werden, um die Menschen überhaupt zum Kauf all der angebotenen Waren zu bewegen. Unsere Bedürfnisse sind ein durch Werbung und Konkurrenzkampf überformter Vermarktungsfaktor. Und überhaupt: Würden wir all die beworbenen Sachen wirklich benötigen, müsste es doch eigentlich nicht so viel Werbung geben, die uns auf unsere Bedürfnisse aufmerksam macht.

Allerdings produzieren die Menschen in den Industrienationen heute nicht mehr so viele von diesen tollen Produkten. Das machen die Leute in ärmeren Ländern. Dort verdienen ArbeiterInnen weniger. Auch sonst ist es dort viel einfacher alles super billig herzustellen. Dort können die Unternehmen ihren Müll vor die Tür der ArbeiterInnen kippen, es gibt kaum Gewerkschaften, und sie müssen kaum Steuern bezahlen. Dafür sorgt der Staat aber auch nicht so gut für die Bildung, den Umweltschutz für soziale Absicherung oder die Gesundheit der ArbeiterInnen. Aber die Produkte sind schön billig. Aber nur für jene, die auf der Sonnenseite des Kapitalismus geboren wurden. Für die IndustriearbeiterInnen des Trikonts bleiben sie oft unerschwinglich.

Spätestens an dieser Stelle wird auch die Verbindung von Ökonomie und anderen Herrschaftsverhältnisse deutlich: Denn auf der Suche nach billigen Arbeitskräften wird in der kapitalistischen Produktion auf andere Herrschaftsverhältnisse aufgebaut:
So sind illegale MigrantInnen meist billiger als Einheimische, und was gesellschaftlich als Frauenarbeit gilt, sind häufig auch schlechter bezahlte Wirtschaftssektoren.

Jedoch wäre es auch an dieser Stelle verkehrt, diese extreme Ungleichheit irgendwelchen moralisch verkommenen Ausbeutern anzulasten: Als die skrupellosesten Investoren haben sich in jüngster Vergangenheit Rentenfonds hervorgetan. Die gesammelte Altersvorsorge von Millionen von RenterInnen ist in der Welt unterwegs um aus Arbeitenden und natürlichen Ressourcen so viel raus zu pressen wie nur irgend möglich. Das Gleiche gilt für ArbeiterInnen, die es schaffen, ein paar Groschen beiseite zu legen und ihr Geld zur Bank bringen. Die Bank soll sicher stellen, dass es gewinnbringend investiert wird. Das ist ihr Job. Deswegen trifft sie nicht mehr Schuld als andere Marktteilnehmer.

Diese Form der Ökonomie ist jedoch keinesfalls eine natürliche und einzige Form des Wirtschaftens. Der permanente Zwang zur Re-investition, um noch mehr Profit zu machen, war früheren Gesellschaften fremd. Hier wurde produziert, um den kläglichen Konsum der Armen und den weit weniger kläglichen Konsum der Adligen zu bewerkstelligen. Arbeiten um noch mehr zu produzieren um noch mehr zu arbeiten ist ein Phänomen der Moderne. Ein zurück zu den ‘guten alten Zeiten’ ist jedoch nicht sonderlich erstrebenswert. Statt dessen muss es zunächst darum gehen, sich der Verbindung von Ökonomie und anderen Herrschaftsformen gewahr zu werden und Möglichkeiten partizipativer und bedarfsgerechter Ökonomie zu entwickeln. Unser jetziges System, in welchem sämtliche Menschen in einem allgemeinen Konkurrenzkampf eingebunden sind (und den Verwertungsregeln des Kapitals), und der es einzelnen Besitzenden oder einer Kaste von ManagerInnen erlaubt, über die Arbeitskraft, Arbeitszeit sowie das was und wie der Produktion zu bestimmen, ist kein unabänderliches Schicksal.