Thursday, March 12, 2015

Perspektiven

In diesem Schlussteil der Videoreihe, gehen wir noch einmal etwas ausführlicher darauf ein, was eine herrschaftskritische Sichtweise ausmacht und bieten 9 Eigenschaften und Voraussetzungen für ein im Grunde unerreichbares, aber als Orientierungspunkt notwendiges Ziel linker Politik an - die herrschaftsfreie Gesellschaft. Für den Fall, daß Film und Text parallel verwendet werden, wollen wir darauf hinweisen, daß die Textversion in den Formulierungen leicht vom Gesprochenen abweicht.

Wenn ihr bis hier bestimmte Themen vermisst - etwa alles was mit dem Mensch-Natur-Verhältnis in Verbindung steht, über Bildungseinrichtungen, einen eigenen Teil zur Nation, dem Faschismus und NS oder der Geschichte religiöser Herrschaft, oder die Debatten um Anthropologie, Psychologie, Neurologie, Psychatrie, den Antiziganismus … da müssen wir euch vorerst entäuschen. Mit manchem haben wir uns bisher einfach zu wenig beschäftigt, anderes hätte schlichtweg den Rahmen gesprengt, bzw. war nicht zwingend nötig um moderne Herrschaft zu skizzieren. Hier zum Ende, soll es nun um allgemeine Perspektiven gehen - im doppelten Sinne. Zum einen die Perspektiven, aus denen wir schauen, zum Anderen um Zukunftsperspektiven.

Selbstverortung

Die Perspektive, aus der wir blicken, ist oft stark geprägt von der gesellschaftlichen Position – das hat der Teil zu Ideologien gezeigt. Wenn wir durch die herrschaftskritische Brille schauen, ist also auch entscheidend, sich selbst im Blick zu haben. Wir, die Autorinnen, gehen nicht davon aus, frei von herrschaftlichen Verhaltensweisen zu sein, auch nicht frei von Verantwortung für die gesellschaftlichen Strukturen - wir reproduzieren sie täglich, mehr oder weniger. Auf das Weniger kommt es letztlich an. Nur, was kümmert uns der ganze Schlamassel? Sind wir nur unverbesserliche Idealist_innen, die irgendwelche Minderwertigkeitskomplexe oder verborgene Sehnsüchte kompensieren wollen? - Es gibt jedenfalls auch bewußte Gründe für die Entscheidung, sich einzumischen. Wir wollen ein freies Leben und Bedürfnisbefriedigung für möglichst alle. Das schließt uns ein. Wir wollen niemanden glauben machen, dass Herrschaft eines Tages auf einen Schlag abgeschafft wird. Von alleine wird es aber auch nicht besser. Es geht darum sie schrittweise zu bekämpfen, konsequent und nachhaltig. Der herrschaftskritische Ansatz gibt uns ein wenig Hoffnung, das zumindest die Menschen,die die Welt aus der Sicht der Beherrschten betrachten, gemeinsam etwas bewegen können.

Wissenschaft

Ohne einen wissenschaftlichen Anspruch ist das gemeinsame Engagement kaum denkbar. Nur: Sind die Wissenschaften nicht selbst ein Teil der Herrschaftsordnung? Versteckt sich hinter der wissenschaftlichen Neutralität nicht all zu oft ein konkretes Herrschaftsprojekt? Genau davon gehen wir tatsächlich aus. Allerdings gibt es heute auch vieles was sich einer kritischen Wissenschaft zu ordnen lässt. Kritische Wissenschaft zeichnet sich vor allem durch ein anderes Objektivitätsverständnis aus. Sie fragt nach der Motivation, nach den Zielen, um den Gehalt der Forschung zu bewerten. Machtverhältnisse werden in die Analyse mit einbezogen, auch die soziale Position der Wissenschaftler_innen wird unter die Lupe genommen. Dazu werden die verschiedenen Ungleichheitsformen zusammengedacht - die Verwobenheit von sozialer Positionierung soll reflektiert werden.
Nicht nur einige Wissenschaftler_innen scheinen die zentrale Bedeutung von Herrschaft erkannt zu haben. Es scheint auch einige andere, sozial und politisch engagierte Menschen weltweit zu geben, die ähnlich denken. Eine intensive Erforschung von Herrschaft – eine intensive weltweite Debatte über Herrschaft - und wie wir sie los werden – fehlt jedoch. Stattdessen lässt sich beobachten, wie mancherorts herrschaftskritische Ideen für die Reproduktion von Herrschaft nutzbar gemacht werden - etwa wenn flache Hierarchien genutzt werden, um Unternehmen effizienter zu gestalten. Das ist nur ein Grund mehr, vor allem Wert auf Inhalte zu legen statt nur mit Wortfetzen um sich zu schmeissen. Gleichzeitig bedeutet die Gefahr der Vereinnahmung durch Herrschaftsprojekte für jede Einzelne eine große Verantwortung. Vielleicht verzichten wir doch lieber auf die creative Selbstverwirklichung im Beruf. Vor allem wenn das bedeutet in einer gut bezahlten Position das gesammelte Herrschaftswissen in den Dienst von Ausbeutung, Unterdrückung oder Ausgrenzung zu stellen? Es ist davon auszugehen, das politisch sinnvolle Projekte oft schlechter oder gar nicht bezahlt werden. Wer zahlt wieviel für den Ausstausch auf gleicher Augenhöhe? Für die Einbeziehung bildungsferner Schichten? Für herrschaftkritische Inhalte und Projekte? Finden wir Wege gut zu leben und politisch aktiv zu bleiben?

Legitimation von Herrschaft

Ein Projekt in dem linke Rhetorik immer wieder zur Stabilisierung von Herrschaft beigetragen hat, ist der Versuch Herrschaft zu legitimieren. Neben eher rechten Argumentationen, wie “Das war schon immer so - Herrschaft liegt in der Natur des Menschen.” oder “Wir sind das Volk” werden heute andere Töne angeschlagen. Unter Berufung auf Auschwitz, Frauenunterdrückung und die Menschenrechte wird die große Kriegsmaschine ins Rollen gebracht. Zur Rettung des Sozialstaates werden die Abgaben für Geringverdiener erhöht. Um Arbeitsplätze zu sichern werden Löhne gekürzt. Das funktioniert offensichtlich hervorragend.
Lediglich ein Argument zur Legitimation bestehender Herrschaftsverhältnisse kann eine kritische Prüfung bestehen: Der Verweis auf die jeweils schlimmeren Zustände, z.B. in autoritären Regimes oder Gebieten unter Clanherrschaft. Rückschritte in allgemeiner Freizügigkeit und Unversertheit sind gerade aus herrschaftskritischer Perspektive keine Option.

Ethik

Um zu beurteilen, was einen Rückschritt oder Fortschritt bedeutet braucht es nicht nur kritische Analyse. Bewertung ist immer auch eine Frage der Ethik. Welche Werte liegen der Idee von Fortschritt zu Grunde? Welchen Zweck erfüllt die eine Ethik im Unterschied zur anderen? Religionen haben das erklärte Ziel die Welt zu ordnen, und dabei möglichst in der Mitte dieser Ordnung zu stehen. Fortschritt heisst hier “Festigung des Glaubens” - “Vergrößerung der Glaubensgemeinschaft”.
Die Ethik der Wirtschaftsliberalen betont die individuelle Freiheit, dient aber offenbar der Geldvermehrung von Wenigen. Das Geld rückt ins Zentrum der Welt - der Wert aller Werte. Die Zahlen regieren das Geschehen. Fortschritt heisst “Wirtschaftswachstum”, “Rendite”. Der Humanismus wiederum versucht den Menschen ins Zentrum zu setzen. Trotz seiner vielen Irrwege und Sackgassen schuf er die Vorraussetzung für eine Herrschaftskritische Ethik. Denn auch sie stellt den Menschen ins Zentrum und fragt sich, wie er gut leben und sich entfalten kann, ohne gegenseitigen Zwang und Unterordnung - unabhängig von der Herkunft, Hautfarbe, dem Geschlecht usw.. Im Unterschied zu Humanist_innen setzt Herrschaftskritik jedoch keine unbegründbaren Thesen, keine A prioris. Sie leitet die Grundannahmen aus kritischer Sozialtheorie ab. Zum Beispiel, daß das Wohlbefinden und die Entfaltung des Menschen mit gesellschaftlichen Strukturen in Beziehung stehen. Daher müssen wir uns auch entscheiden, wie wir zusammenleben wollen. Dies erfordert eine Beziehungsethik - mit einer zweckmäßigen Begründung. Eine, die nicht den Eigennutz des Individuums verteufelt, sondern einen bewußten Umgang mit Eigeninteressen fördert. Eine Herrschaftskritische Ethik bedeutet Verantwortung für den Einzelnen – sowie einen solidarischen Umgang miteinander.

Utopie

Was ist also zu tun? Widerstand organsieren gegen den Staat und die Multis? Ein alternatives System bis ins Detail entwerfen? Eins ist sicher: Wir sollten uns genau überlegen, welche Konsequenzen unser Handeln haben kann, und - welche Konsequenzen es haben soll. Dabei ist es sicherlich sinnvoll kurz- mittel- und langfristige Ziele klar voneinander zu unterscheiden. Es macht Sinn, wenn wir eine sehr konkrete Vorstellung haben, was wir im kommenden Jahr erreichen wollen. Detailierte Pläne, von dem was in 20 oder 100 Jahren sein wird (?) - ziemlich unrealistisch.

Das Konzept Widerstand scheint für viele Probleme nicht mehr angebracht. Es gibt keinen eindeutigen Feind. Die Moderne Herrschaft basiert nicht mehr auf direktem Befehl und gehorsam. Nicht nur deshalb sind Viele Utopien veraltet. Wir sind der Meinung, das eine herrschaftskritische Utopie prozessorientiert sein muss. Statische Konzepte sind spekulativ, undiskutierbar und deshalb strategisch ungeeignet. Ausserdem werden detailierte Phantasien der befreiten Gesellschaft oft auf hierarchische Weise kommuniziert. Wenn das Ziel der Utopie ist, die Sehnsucht nach der neuen Welt zu Wecken, ist fiktionale Literatur der geeignetere Rahmen.

Folglich gibt es hier nur einige allgemeine Schlussfolgerungen, was eine herrschaftslose Gesellschaft ausmachen würde – kurz und knackig – in Thesenform.

1) Es sollten keine Menschen anderen untergeordnet sein – mit welcher Legitimation auch immer.

2) In den Entscheidungsprozessen von Menschen sollte Solidarität im Sinne von Empathie eine wichtige Rolle spielen - zwischen Nachbarn und auch zwischen Leuten aus unterschiedlichen Territorien.

3) Die Bewältigung allseitiger Abhängigkeiten unter den Individuen, erfordert nicht Verzicht, sondern einen reflektierten Eigennutz.

4) Ziel ist nicht eine gesichtslose „Masse“ oder ein Aufgehen der Individuen in der Kollektivität. Im Verhältnis von Individualität und Kollektiv sollte gegen dauerhafte Opfer, Entsagung und Verschlechterung der Lage gearbeitet werden.

5)Freiheit setzt ein gewisses Maß an Risikobereitschaft voraus – je weiter Menschen von Freiheit entfernt sind, desto mehr Mut werden sie brauchen.

6) Auch der Parlamentarismus organisiert die Herrschaft der Wenigen über die Vielen. Die Bildung von selbstorganisierten Strukturen ist elementar um Herrschaft in jeder Form zu brechen.

7) Selbstorganisation hängt vom Willen bzw. der Entscheidung aller Individuen ab, d.h. alle habe eine Mitverantwortung.

8) Zu den Kernelementen gesellschaftlicher Organisation ohne Herrschaft zählt auch indiviuelle Selbstbestimmung für alle Menschen - die Freiheit, über das, was die Individuen jeweils betrifft, mitbestimmen zu können. Unter dieser Vorraussetzung soll auch die gesellschaftliche Reproduktion gestaltet werden.

9) Dabei ist aber von der Ungleichheit der Bedürfnisse der unterschiedlichen Menschen auszugehen. Dass setzt soziale und ökonomische Bedingungen voraus, in denen keine Menschen ausgebeutet, unterdrückt und ausgegrenzt werden.