Thursday, March 12, 2015

Ideologie

In diesem Teil werden unterschiedliche Vorstellungen von Ideologie aufgegriffen, um in Ihnen eine zeitgemäßen und für herrschaftskritische Politik wichtigem Ideologiebegriff entgegenzustellen. Für den Fall, daß Film und Text parallel verwendet werden, wollen wir darauf hinweisen, daß die Textversion in den Formulierungen leicht vom Gesprochenen abweicht.

Im Alltag denken viele bei dem Stichwort Ideologie an Manipulation – etwa an PolitikerInnen, Konzernvorstände oder auch ReligionsführerInnen, die bewusst Informationen und Meinungen streuen, um unsere Meinung, unser Denken oder unser Verhalten zu beeinflussen. Zweifelsohne ist es richtig, nach den Interessen einer Person zu schauen und dahinter zu kommen, inwieweit jemand versucht, andere Menschen gezielt zu beeinflussen. Denn wer Ideologien produziert, verfolgt ein Ziel oder mehrere. Bestimmte Handlungen sollen so gerechtfertigt werden. Allerdings wäre es ein folgenreicher Irrtum zu glauben, Ideologien bestünden nur aus absichtlichen Lügen – erfunden von Leuten, die andere Menschen beherrschen wollen.

Denn wäre es so einfach, würden wohl ein paar mutige Journalist_innen reichen, um die Lügen zu entlarven - und das Problem wäre schon fast erledigt. Nur, in der Regel glauben die Leute an das, was sie propagieren. Unternehmer/innen wollen, dass ihre Arbeitskräfte funktionieren, politische Parteien oder Kirchen wollen, dass ihre Mitglieder sich zwar beteiligen, aber keinen all zu großen Stress machen, und auch der Staat hat ein Interesse daran, daß seine BeamtInnen und BürgerInnen funktionieren. Zweck der ganzen Übung ist also, Legitimation und Zustimmung zu erhalten. Unter der Voraussetzung der Meinungsfreiheit werden dazu alle möglichen Meinungen in den Medien veröffentlicht oder von Mund zu Mund weitergegeben. Manche eignen sich besonders gut zu bestimmten Zwecken, und haben deshalb auch gute Chancen, sich durchzusetzen.

Eine etwas andere, aber ebenso häufig anzutreffende Alltagsdefinition des Begriffes Ideologie setzt diese einfach mit Verbohrtheit, oder einer Art Schubladen-denken gleich. Immer jedoch wird fast automatisch davon ausgegangen, daß nur die anderen einer Ideologie angehören, während man selbst die Dinge klar sieht. So, wie sie eben ‘wirklich’ sind. Eine etwas selbstkritischere Sicht bestünde dagegen darin, Ideologien zunächst einmal als Weltanschauungen zu begreifen. Weltanschauungen können als ein Set von handlungsanleitenden und handlungsstützenden Ideen und Überzeugungen verstanden werden. Jedoch entstehen diese nicht einfach spontan und zufällig im Kopf der einzelnen Menschen. Sie ergeben sich statt dessen aus dem Zusammenwirken der Menschen, aus ihren Beziehungen untereinander. Es kann davon ausgegangen werden, dass wir unsere Ideologie oft mit vielen anderen Menschen teilen, die ähnliche Lebensbedingungen wie wir haben und die ähnliche Informationsquellen benutzen.

Die Lebensbedingungen formen also zu einem großen Teil den Blickwinkel, von dem aus wir die Welt wahrnehmen und erklären. Dies Lebensbedingungen der Menschen und ihre Beziehungen untereinander sind allerdings – wie bereits geschildert - nicht egalitär, sondern meist in irgend einer Weise herrschaftlich organisiert. Jene Herrschaftlichkeit findet sich in vielfältiger Form daher auch in den Ideologien wieder, wie etwa beim Rassismus. Ideologien, produzieren also einen gewissen Sinn. Sie produzieren die Bedeutungen, mit denen wir die Welt sehen und erklären. Ideologien können folglich als ein Set von Weltanschauungen verstanden werden, die sich aus den herrschaftlich verfassten Beziehungen der Menschen untereinander ergeben.

Wichtig zu begreifen ist, daß eben jener Sinn nicht in den Dingen selbst steckt, sondern das wir Menschen es sind, die den Dingen erst einen Sinn geben. Hierzu ein Beispiel: Was ein Tisch ist, und was man damit macht, ist eigentlich allen klar. Man könnte meinen, der Sinn dieses Dings liegt eindeutig im Gegenstand selbst begründet. Doch wenn der Sinn von Gegenständen, Prozessen, Beziehungen so klar auf der Hand liegt, warum weiß dann niemand genau, was Stonehenge eigentlich ist? Wir wissen nicht, welchen Sinn die Menschen Stonehenge früher gaben, also rätseln wir heute über seine Funktionsweise und Bedeutung. Die meisten anderen Dinge, die uns umgeben, haben im Gegensatz dazu für uns einen sehr klaren Sinn. Der Personalausweis ordnet Personen einer bestimmten Nationalität zu, mit der sich viele Menschen auch identifizieren -
Ähnlich funktioniert bewirkt das Kreuz in der Kirche. Durch praktisches Handeln im Zusammenhang mit – z.B. der Nation oder der Kirche, eignen sich Personen Ideologien selber an. Sie befähigen Menschen sich in der Gesellschaft zu verhalten. Sie geben Orientierung, helfen Entscheidungen zu treffen. Die Ideologie sind verknüpft mit Identitäten, die viele als natürlich erachten. Wenn die ganze Gesellschaft in Klassen, Nationen, angebliche Rassen und nach Geschlecht eingeteilt ist, verinnerlichen die Leute im Großen und Ganzen diese ihnen zugeschriebenen sozialen Rollen und Identitäten.

Schauen Menschen also durch die herrschaftlich-ideologische Brille, so finden sie in der gesellschaftlichen Realität viele Bestätigungen ihrer Ideologie – wie bei einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Nicht zu vergessen ist, daß auch diejenigen, die sich nicht unterordnen wollen – die zum Besipiel für ein menschengerechteres Leben kämpfen, noch lange nicht außerhalb der herrschenden Ideologien stehen. Viele weltweit geführten Kämpfe gegen ökonomische Ausbeutung z.B. beziehen sich positiv auf Traditionen, ohne immer ausreichend zu reflektieren, daß diese Traditionen selbst herrschaftliche Elemente beinhalten. Ähnlich problematisch ist, wenn verschiedene soziale Kämpfe im Namen der Nation, bzw. der nationalen Wirtschaft, geführt werden - die es gegen „fremde Kapitalisten“ oder “Heuschrecken” usw., zu schützen gilt. Trotz allem besteht aber kein Grund zu verzagen. Wir sind nicht einfach nur hilflose Opfer der verschiedenen Ideologien. Menschen können über sich und die Welt reflektieren, sie besitzen zudem die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Sie können durch gegenseitige Verständigung die Grenzen der herrschenden Ideologien überwinden. Es ist es nicht nur nötig, sondern vor allem auch möglich, sich gegen Herrschaftsstrukturen zu wehren. Es kommt jedoch darauf an, die eigenen Ideen, Konzepte und Handlungen stets dahingehend zu untersuchen, inwieweit sie verschiedene Herrschaftsverhältnisse reproduzieren.