Thursday, March 12, 2015

Antisemitismus

Hier wird der moderne Antisemitismus historisch hergeleitet, dessen Aktualität diskutiert und auf die Wichtigkeit seiner Bekämpfung für herrschaftskritische Politik eingegangen. Für den Fall, daß Film und Text parallel verwendet werden, wollen wir darauf hinweisen, daß die Textversion in den Formulierungen leicht vom Gesprochenen abweicht.

Es dürfte schon klar geworden sein, dass Herrschaft nicht leicht zu verstehen ist – vor allem die neueren modernen Herrschaftsformen sind schwieriger zu durchschauen, weil sie tatsächlich auf eine immer globaler wirkende Struktur zurückzuführen sind und sich immer weniger an konkreten Personen, wie zum Beispiel Königen und Kaisern festmachen lassen. Dies gilt in besonderem Maße für den modernen Kapitalismus. Die großen Umbruchphasen spitzten sich im 19. Jahrhundert zu. Ältere Herrschafts- und Gesellschaftsordnungen wandelten sich in moderne Formen um. Gerade weil diese Veränderungen so schwierig zu verstehen waren, erfanden Leute absurde Theorien und Weltanschauungen, unter anderem damit sie überhaupt eine Erklärung hatten. Für das personalisierte Denken war es am einfachsten, irgendwelche Personen oder Gruppen für die negativen Folgen von moderner Herrschaft verantwortlich zu machen. Ironischer Weise griff man hierbei auf eine Gruppe zurück, die gerade erst weitreichende Bürgerrechte bekam - nach einer jahrhunderte währenden Unterdrückung - die Juden Mitteleuropas. Dies war die Geburtsstunde des modernen Antisemitismus.

Als religiöse Minderheit, die über die Länder Europas verstreut lebte, zogen Jüdinnen und Juden schon im Mittelalter viel Hass auf sich und wurden häufig brutal verfolgt - bis hin zu Massenvertreibung und Mord. Hauptverantwortlich dafür waren die christlichen Kirchen, die sich in ihrem totalen Wahrheits- und Machtanspruch schon durch die bloße Existenz der Juden herausgefordert sahen. Im modernen Antisemitismus wurde nun beliebig an die bestehenden Vorurteile und Mythen, die im Mittelalter kursierten angeknüpft. Das wichtigste dieser alten antijüdischen Vorurteile brachte Juden mit Geld in Verbindung: Juden seien angeblich besonders geschickt mit Geld, betrügerisch und habgierig. Die Entstehung des Geld-Vorurteils hing mit der Rolle zusammen, welche ein Teil der europäischen Juden in der mittelalterlichen Wirtschaftsordnung mehr oder weniger unfreiwillig eingenommen hatten. Denn in vielen Ländern Europas waren Jüdinnen und Juden vom Grundbesitz und von den meisten Gewerbezweigen bis in die Neuzeit hinein ausgeschlossen.

Als der moderne Kapitalismus sich im Laufe des 19. Jahrhunderts immer weiter durchsetzte und damit das Geld immer mehr alle Lebensbereiche zu beherrschen schien, sah es für die Judenhasserinnen so aus, als wären nunmehr die Juden die heimlichen Herrscher der Welt. Das sie durchaus nicht die einzigen in den genannten Branchen waren wurde ebenso ausgeblendet, wie die viel größere Zahl an armen Juden. So entstand die Theorie einer jüdischen Weltverschwörung, nach denen eine Gruppe mächtiger Financiers im Geheimen die Geschicke der Menschheit bestimmte. So unrealistisch diese Idee war und ist - bis heute wird daran geglaubt. So muss man sich erst gar nicht die Mühe machen all die komplizierten Zusammenhänge - und die eigene Rolle darin - zu verstehen. In manchen Ländern stützen sich auch heute Regierungen und starke Oppositionsgruppen mit antisemitischer Propaganda.

Ähnlich wie bei dem Geld-Vorurteil lieferte gerade die Geschichte der jahrhundertelangen Verfolgung und Diskimmierung von Jüdinnen und Juden die wirkliche Vorlage für die Begründung der Verschwörungstheorie. Überall in Europa waren Juden in der Wahl des Wohnorts rechtlich diskriminiert. Die Ausübung vieler handwerklicher Berufe wurde ihnen verboten. Immer wieder hatten Pogrome und Verfolgung jüdische Familien dazu gezwungen zu fliehen oder sich in andere Städte und Gegenden zu begeben, wo man sie eher in Ruhe ließ. Dies führte tatsächlich dazu, dass jüdische Familien verstreut über ganz Europa lebten. Juden, die Handel trieben versuchten diese für die damalige Zeit ungewöhnlich weitreichenden Kontakte zu nutzen.
Die netzwerkartige Zerstreuung wurde durch Antisemiten jedoch als Strategie der Unterwanderung interpretiert.

Im 19. Jahrhundert entstanden und verfestigten sich nun in Europa die modernen Nationalstaaten. Die Gründung von Nationen wurde dabei unterschiedlich stark an die Idee der Nation geknüpft - einer angeblich natürlichen Zugehörigkeit des jeweiligen Volkes mit dem Nationalstaat. Das ging nicht ohne die eifrig konstruierten Feindbilder, äussere und innere Feinde. Die jüdischen Minderheiten in Europa, hatten keinen eigenen Staat und damit keinen mächtigen Beschützer. Sie eigneten sich besonders gut für diese Feindbildkonstruktionen. Vor allem aber, weil sie schon damals über internationale Kontakte verfügten, behaupteten die Nationalist_innen, die Juden stünden quasi entgegengesetzt zu der angeblich natürlichen und guten Aufteilung der Welt in Völker und Nationen. Diese Idee verband sich prima mit der Vorstellung, dass die Juden mittels des Geldes eine übergeordnete Herrschaft ausübten. Anders als bei der traditionellen Judenfeindschaft aus dem Mittelalter, bei der die abweichende Religiosität der Juden im Zentrum stand, erfand das europäische 19. Jahrhundert eine “jüdische Rasse” und machte somit die Abstammung zum zentralen Kriterium für antisemitische Verfolgung. Auf diese Weise gelang es den modernen Antisemiten noch besser Jüdinnen und Juden in ihrer Phantasie als die gefährlichen Anderen zu konstruieren. Juden wurden nun immer mehr negative Eigenschaften angedichtet, die über die mittelalterliche Stigmatisierung weit hinausgingen.

Verstehen lässt sich diese komische Übertragung alles Negativen und Verhassten auf „die Anderen“ auch unter Zuhilfenahme sozial-psychologischer Erklärungen. Hier passiert etwas Ähnliches, wie bei anderen Herrschaftsformen, die über die Konstruktion eines Anderen und Entgegengesetzten funktionieren. Beispiele wären hier die Konstruktion des Gegensatzes männlich/weiblich im Geschlechterverhältnis oder weiß-zivilisiert/schwarz-unzivilisiert bei bestimmten Rassismen. Dieser unbewusste Mechanismus nennt sich auch “pathische Projektion”. Damit ist gemeint, dass die Antisemiten den Jüdinnen Dinge zum Vorwurf machen, die sie eigentlich selber machen bzw. die sie an sich selber nicht gut finden. Oder die sie gerne machen würden, aber sich nicht erlauben. Besonders eindrucksvoll lässt sich der Mechanismus der Projektion am Antisemitismus der Nazis ausbuchstabieren: Die Nazis warfen den Juden vor, sich über alle anderen Menschen erhaben zu fühlen und planmäßig für die Reinhaltung ihrer angeblichen Rasse zu sorgen – Tatsächlich war es der Nazi-Rassenwahn, der die so genannten “nordischen Rasse” reinigen wollte. Die Nazis warfen den Juden Habgier, Grausamkeit und das Streben nach Weltherrschaft vor – selber aber fingen sie einen Weltkrieg an, in dem ihre Raublust und Zerstörungswut alles bisher da gewesene in den Schatten stellte. Die Nazis warfen den Juden schließlich vor, das deutsche Volk zu vergiften und von innen heraus zerstören zu wollen, tatsächlich war schon die Wehrmacht ein Experte im Vergiften. Zunächst mit dem Einsatz von Gas im Ersten Weltkrieg. Schliesslich Ermordete der deutsche Nationalsozialismus ca. 6 Millionen von Juden mit Gas in den Vernichtungslagern. Blut und Boden, also die Vorstellung eines natürlichen biologischen Volkes war die Grundlage des deutschen Nationalismus. Kombiniert mit der bürokratischen Verwaltungsrationalität ergab sich daraus eine besonders krasse Form der Judenverfolgung - unter Mitwirkung oder Duldung eines Großteils der Bevölkerung. Unter den zahllosen antisemitisch motivierten Verbrechen, ragt der deutsche - industriell-bürokratische durchgeführte Massenmord - in erschreckender Weise heraus. Die hier genannten Aspekte zeigen deutlich, das Antisemitismus nicht einfach nur Rassismus ist. Er hat sehr spezifische Merkmale, die auch heute von großer politischer Bedeutung sind.

Nach dem Sieg der Alliierten über die Nazis und der Gründung des Staates Israel als Schutzraum für Jüdinnen und Juden hat sich der Antisemitismus auf erschreckende Weise auf der ganzen Welt verbreitet. Unter ihm haben Juden in zahlreichen Ländern und auch der jüdische Staat Israel zu leiden. Die Geschichte der Entstehung des modernen Antisemitismus hat gezeigt wie eng sich seine Struktur mit anderen modernen Herrschaftsformen verknüpft und wie stark gerade die weltweite Durchsetzung kapitalistischer Produktionsverhältnisse und nationalstaatlicher Ordnungen seine Verbreitung beflügelt haben. Denn die antisemitischen Verschwörungstheorien sind gerade deshalb so populär, weil es so bequem ist die Juden für die sichtbaren Folgen moderner Herrschaft verantwortlich zu machen, anstatt all die komplizierten Zusammenhänge und die eigene Rolle darin zu verstehen. Daraus ergibt sich, das die Überwindung moderner Herrschaft auch von der Bekämpfung des Antisemitismus abhängt.