Thursday, March 12, 2015

Rassismus

Dieser Beitrag hinterfragt als zu simple Vorstellungen von Rassismus und bietet Einblick in das vielseitige Phänomen und dessen historische Hintergünde. Für den Fall, daß Film und Text parallel verwendet werden, wollen wir darauf hinweisen, daß die Textversion in den Formulierungen leicht vom Gesprochenen abweicht.

Viele haben schon etwas von Rassismus gehört und können sich darunter etwas vorstellen. Rassisten, dass sind die Nazis - dumpfe Typen, die Ausländer verprügeln. Fast niemand möchte gerne als Rassistin bezeichnet werden - im Gegenteil, oft wird betont, man habe ja auch ausländische Freunde etc.. Klassischer Weise wird Ausländerfeindlichkeit mit einer quasi natürlichen Angst vor Fremden begründet. Das nennt man dann Xenophobie. Denn die Unterschiede und damit auch die gegenseitige Fremdheit der verschiedenen Kulturen “kann ja jeder sehen”. Als Allheilmittel gegen das, was hier als Rassismus bezeichnet wird, ist dann: die Friede-Freude-Eierkuchen-Multi-Kulti-Gesellschaft. Auf diese Weise werden die unterschiedlichen Lebensweisen zu einer naturgegeben Sache und zur Begründung für soziale Ungleichheit gemacht. Gesellschaftliche Verhältnisse werden naturalisiert, ihr eigentliche Gesellschaftlichkeit wird verschleiert. Es wird ignoriert, dass Rassismus als aktuelle und moderne Herrschaftsform keine naturgegebene Sache ist, sondern sich während seiner langen Geschichte in sehr unterschiedlicher Weise ausgeprägt hat. Die Theorie der Fremdenfeindlichkeit taugt daher auch nicht dazu zu erklären, inwiefern Rassismus ein gesellschaftliches Verhältnis ist. Weißen Menschen lernen im Laufe ihres Lebens ihre Privilegien als selbstverständlich anzusehen, sich rassistisch zu verhalten und sogar Angst zu haben.

Menschen, die Aufgrund ihrer Hautfarbe systematisch ausgegrenzt werden lernen hingegen oft früh das Gegenteil – sich abzufinden mit einer benachteiligten Rolle – und ihre schlechtere soziale Stellung als natürlich akzeptieren. Rassismen funktionieren wesentlich komplizierter, als im allgemeinen angenommen. Sie sind verknüpft mit Institutionen und Gesetzen eines Nationalstaates. Das heißt Rassismus schließt Leute von politischer und sozialer Teilhabe in einer Gesellschaft aus – z.B. durch die Vergabe von Pässen und die Abschottung von Grenzen. Rassismen verbinden sich mit historisch entstanden Arbeitsteilungen und unterschiedlichen Wertschätzungen bestimmter Arbeiten in einer Gesellschaft. Tätigkeiten wie Putzen oder Zementsäcke schleppen sind nicht selten mit konkreten Bevölkerungsgruppen oder Hautfarben assoziert.

Rassismus wirkt heute gerade auch dort, wo niemand persönlich rassistisch handeln muss. Es muss nicht unbedingt eine konkrete Person von einer Handlung oder Aussage diskriminiert werden, und trotzdem ist Rassismus am Werk, allgegenwärtig. Viele Weiße, die meinen, keine Rassisten zu sein, merken erst bei genauerem Hinsehen, wie verstrickt ihr Leben mit diese Herrschaftsform ist. Das gilt auch für die eher wenigen Schwarzen, die behaupten nie persönlich von Rassismus betroffen gewesen zu sein.

In einer weißen Gesellschaft, gilt die weiße Lebensweise als Norm. Weiße Privilegien sind normal, werden gar nicht wahr genommen – sie sind einfach da. Kultur ist immer was die anderen machen. Dadurch das Schwarzen Menschen immer zu erst als Schwarze gesehen werden, bleibt ihnen oft nichts anderes übrig, als aus der Not eine Tugend zu machen. Vielleicht lässt sich damit etwas Geld verdienen: Ein Tanzabend mit dem einfallsreichen Titel “Afrika Afrika”, wild trommelnde und tanzende Schwarze? Oder ein Musical am Hamburger Hafen, in dem vorwiegend scharze MusicaldarstellerInnen Loewen und Affen spielen? Das bestätigt was die Freunde der fremden Kulturen schon immer wussten. So sind die nun mal.

Rassismus kommt nicht von irgendwo und ist auch nichts natürliches, das sollte klar geworden sein. Aber, wie hat das ganze mit dem Rassismus angefangen? Einige Phänomene, die heute mit dem Begriff Rassismus zusammengefasst werden, gab es zwar schon deutlich früher, aber um das zu verstehen, was die modernen Rassismen ausmacht, reicht es bis ins 16. und 17. Jahrhundert zurück zu gehen. Zu dieser Zeit waren Europäerinnen überall in der Welt unterwegs. Als Reisende, Missionare, Geschäftsleute, Piraten oder Soldaten. In dieser Zeit entstand die Vorstellung, die Menschen wären in unterschiedlich weit entwickelte Völker unterteilt. Sich selbst sahen die EuropäerInnen als die Krone der Schöpfung. Für die gewöhnlichen EuropäerInnen, die selbst Ackerland bewirtschafteten oder sich später in Fabriken zu Tode schufteten spielte das zu jener Zeit kaum eine Rolle. Gemeint war vor allem der weiße bürgerliche Mann von Welt - das Familienoberhaupt, gottesfürchtig, gebildet, kulturvoll, geboren um zu herrschen - zu herrschen über die Frauen und Kinder, die Ungläubigen, und angeblichen Barbaren.

Der Rassismus jener Zeit zielte hauptsächlich auf den Grad der sogenannten Zivilisierung. Der angeblich zivilisierten Welt zu entstammen war demnach die Legitimation der Herrschaft über die als Unzivilisert stigmatisierten. Die Ausweitung der kontinuierlichen Herrschaft über die angeeigneten Gebiete nennen wir heute Kolonialisierung. Die Abstufungen des Menschseins nach dem Grad der Zivilisierung waren die meiste Zeit die Grundlage der Kolonialpolitik. Im 19. und 20. Jahrhundert war die Welt zum Großteil unterworfen und in große europäische Imperien unterteilt, die teils kooperierten aber sich vor allem auch gegenseitig bitter bekämpften. In dieser Zeit stiegen die Europäischen ArbeiterInnen langsam auf in der Hierarchie. Ihre Lebensbedingungen verbesserten sich. Die Ausbeutung der kolonisierten Menschen nahm rapide zu. Schliesslich wurden sie am untersten Ende in die moderne kapitalistische Arbeitsorganisation eingebunden.

Auch der weisse Blick auf die Kolonialisierten veränderte sich. Viele neue Wissenschaften kamen auf - eine Blütezeit der naturwissenschaftlichen Entdeckungen. In diesem Kontext wurde die angebliche Minderwertigkeit der Nicht-Weißen „Rassen“ zunehmend biologisch legitimiert. Das hatte handfeste Auswirkungen auf Alltag und Politik. Mit Rassenideologie reagierten zum Beispiel weiße Kolonialbeamten darauf, das die gebildeten Inder und Afrikaner sich nun ebenfalls für die Verwaltungsposten in den Kolonien bewarben. Diese Konkurrenz wurde zunächst beiseite geschafft, in dem ihnen nun wissenschaftlich das Mensch-Sein abgesprochen wurde. Das ergab eine neue Form der Legitmierung von Ausbeutung und Massenmord.

Die Koloniale Vergangenheit wird in Europa weitestgehend verdrängt – so wird auch eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit Rassismus vermieden. Die Ausbeutung in kolonialer Herrschaft wirkt bis heute. Wirst du in einem sogenannten Entwicklungsland geboren, bist du höchstwahrscheinlich Schwarz und arm und deine Chancen auf Bildung, annehmbare Arbeitsbedingungen und eine gesundheitliche Versorgung sind schlecht. Z.B. weil deine ganze Familie Zucker ernten muss, in einer Erzmine arbeitet oder unter anderen prekären Bedingungen lebt. Dann versuchst du nach Europa oder in die USA zu gelangen. Und was passiert? Du ertrinkst entweder im Meer oder landest in einem Abschiebegefängnis. Sollte es dir wiedererwartend gelingen, darfst du oft nicht arbeiten, oder erntest doch wieder Gemüse für einen Hungerlohn. Wenn du eine Frau bist bietest du vielleicht sexuelle Dienstleistungen an – vielleicht nicht einmal freiwillig. An deinen Erfahrungen zeigt sich besonders deutlich, wie Rassismus sich mit den Wirkungen kapitalistischer Zwänge und Geschlechterherrschaft verbindet.

Nicht-Weiße, besonders wenn sie selbst Emigriert sind, leben in der weiß-normierten Gesellschaft der Industrieländer schikaniert von staatlichen Behörden und Ausschlüssen auf dem Arbeitsmarkt. Zusätzlich erleben sie alltäglichen Rassismus, die von abschätzigen Blicken, über Beleidigungen, bis hin zu Gewaltexzessen reichen. Für die rassistische Grundstimmung sorgen auch die Normalbürger, die nicht so gerne „Ausländer“ in der Nachbarschaft haben wollen. Aber eben auch die, die das “Exotische” lieben, jene, die am liebsten authentische Kulturprodukte konsumieren - zum Mittagessen oder als Deko im Wohnzimmer. Auch sie basteln fleißig mit an der rassistischen Herrschaft - in dem sie immer nur das Fremde oder Andere in Nicht-Weißen Leuten suchen.

Rassistische Praxen können sehr unterschiedlich sein. Vieles davon fehlt leider auch hier. In der Auswahl dessen, was wir hier sagen und was nicht, war nur die Zielgruppe aussschlaggebend, an die wir uns richten - nicht etwa das wir eine Form von Rassismus für wichtiger halten als die andere. Erklären wollten wir, das Rassismus mit anderen Herrschaftsformen verknüpft ist. Es gibt ihn auf der ganzen Welt, und er geht auch nicht immer von der Mehrheitsbevölkerung aus - und auch nicht nur von „Weißen“. Manche Formen sind so speziell, dass fraglich ist, ob sie überhaupt Rassismen sind: wie der Antiziganismus zum Beispiel, der hier leider keine Platz findet. Dem Antisemitismus wiederum widmen wir aus genannten Gründen dennoch einen eigenen Abschnitt.