Thursday, March 12, 2015

Geschlechterverhältnisse

Für den Fall, daß Film und Text parallel verwendet werden, wollen wir darauf hinweisen, daß die Textversion in den Formulierungen leicht vom Gesprochenen abweicht.

Hat der leitende Angestellte seine Befehle erteilt, kommt er nach der Arbeit nach Haus, und macht was? Er lässt sich von seiner Frau bedienen. Nein, das ist nicht altmodisch. Denn, damit Männer effizient arbeiten können, fügen sich viele Frauen auch heute in das Hausfrauenmodell. Aber auch dort, wo der Hausmann am Wochenende auch mal den Kinderwagen schiebt, und sie es in der Firma zur Abteilungsleitung geschafft hat, ist Geschlechterherrschaft noch nicht Schnee von Gestern.

Es gibt sie also, die Geschlechterherrschaft, auch in der sogenannten westlichen Welt. Das Problem ist nur: Frauen wollen sich nicht immer in der Opferrolle sehen. Sie fragen sich zu recht: Brauch ich wirklich den ganzen Stress, den eine Karriere bedeutet, wenn ich zu Hause auch noch für alles verantwortlich bin? Nur leider hören viele gleich wieder auf zu fragen, obwohl es hier doch eigentlich erst beginnt. Hat sich die eine oder andere doch von diesen Normen emanzipiert, stellt sich erneut die Frage: wer putzt denn jetzt das Klo und kocht den Kindern Essen wenn Mama und Papa Vollzeit arbeiten? In der Regel kommen an dieser Stelle illegalisierte Migrantinnen ins Spiel, die in unterbezahlten und unsicheren Arbeitsverhältnissen den Haushalt schmeißen.

Männer verfügen heute über 99% der Eigentumsrechte weltweit, bekommen höhere Löhne für die gleiche Arbeit. Frauen werden immer noch als minderwertig betrachtet und arbeiten ohne Lohn für die Familie. Erschreckend viele junge Frauen in Deutschland haben statt einer beruflichen Perspektive den Wusch Hausfrau zu werden. Akademiker und Akademikerinnnen fühlen sich oft erhaben über Rollenvorstellungen und reproduzieren auf ironische Weise jedoch die selben Stereotypen, bei Haushalt und Kinderkriegen hört schließlich der Spaß auf. Wenn darauf hingewiesen wird, dass diese Rollen nach wie vor existieren, das der Reichtum nach wie vor extrem Ungleich verteilt ist, das Männer immer noch Frauen im großen Stil ausbeuten - dann ändern Sexisten ihre Strategie. Plötzlich wird nicht mehr behauptet Männer und Frauen, seien gleichgestellt. Nun wird auf die Natürlichkeit bestimmter Rollen und Verhaltensweisen verwiesen.

Um zu verstehen wie moderne Geschlechterherrschaft funktioniert macht es Sinn ein wenig zurück in die Geschichte zu blicken. Erstens zeigt sich hier, dass Geschlechterherrschaft heute nicht mehr vorrangig Patriarchat ist – also Herrschaft der alten Männer über die jüngeren Männer, dann die Frauen und Kinder. Zweites zeigt der historische Vergleich, dass die einstudierten Rollen von Frauen und Männern heute zwar Andere sind, aber ebenso herrschaftlich. In den Feudalen Ständegesellschaften in Europa verfügte das männliche Familienoberhaupt über Frauen, Kinder ebenso wie über Gesellen, Mägde und Knechte. Diese Posotion war aber nur DEN Männern überhaupt zugänglich, die über genügend Geld oder Grundbesitz verfügten. Der größten Anzahl der Untertänigen Bauern, den Tagelöhnern, Knechten und Mägden, war das Heiraten nicht ohne Erlaubnis möglich. Für den Adel hatte die Ehe ebenfalls vor allem ökonomische und noch mehr politische Gründe. Erst das aufstrebende Bürgertum im 18. Jahrhundert brachte die Heirat und Familiengründung in Verbindung mit der romantischen Liebe. Erst hier entstand das Heiratsrecht für alle - unabhängig von Besitz und Stand. Mit der Idee der bürgerlichen Familie verband sich seit dem 18. Jahrhundert kaum mehr als eine ökonomische Zweckgemeinschaft.

Philosophen der Aufklärung allerdings entdeckten in ihr die Keimzelle des bürgerlichen Nationalstaates. Die Familie bekam neue Aufgaben - als Brut- und Reproduktionsstätte des aufgeklärten, zivilisierten Bürgers - umsorgt von der aufopfernden liebevollen Frau bzw. Mutter - Hort romantischer Zweisamkeit. Die neue Familie machte eine ziemlich umfassende Neubestimmung von Männlichkeit und Weiblichkeit erforderlich. Wie schon vorher im Patriarchat ging es nun um eine neue Form der Kontrolle der weiblichen Sexualität - durch das moralische Gebot der Treue und Monogamie - vor allem der weiblichen Monogamie. Auch die Idee der Kindheit und der Erziehung stammt aus dieser Zeit.

Anders als zuvor im klassischen Patriarchat war es für das moderne Geschlechterverhältnis wichtig nicht nur die Unterschiedlichkeit der Geschlechter wissenschaftlich und theoretisch zu untermauern, sondern Männer und Frauen als Gegensätzliche Teile eine natürlichen Einheit zu konstruieren. Dies schloss auch das ausschließliche gegenseitige Begehren ein. Auch die ganzen ‘Eigenschaften’, die heute Männern und Frauen zugeschrieben werden, z.B. dass Frauen emotionaler seien oder nicht logisch denken könnten, oder dass Männer im Gegensatz dazu rationaler wären usw. sind Erfindungen dieser Epoche.
Selbstverständlich blieb diese Form der Kleinfamilie im 19. Jahrhundert ein Luxus des besitzenden Bürgertums. Aber man versuchte die neuen moralischen Ideale der Geschlechter, von Ehe, Sexualität und Kindererziehung, auch den Arbeiterinnen und Arbeitern als die wahre Lebensführung vorzuschreiben - soweit es der Steigerung der industriellen Produktion nicht abträglich war.

In der gesetzlichen Beschränkung der Arbeit von Kindern und Frauen verbündeten sich die Interessen der Kapitalisten mit denen der Arbeitern. Männliche Arbeiter sahen Kinder und ArbeiterINNEN vor allem als Lohndrückerinnen. Sie sahen ihre patriarchale Stellung in der Familie bedroht. Das Ergebnis dieser Entwicklungen waren die Durchsetzung der Kleinfamilie, des Familien-Ernährer-Modells und die Verdrängung von Frauen aus dem öffentlichen Raum - in den Privaten Haushalt, wo sie unbezahlte Hausarbeit leisten sollten. Die Frauenbewegungen erstritten im 20 Jh., das Frauen jetzt immerhin doch wieder Geld verdienen dürfen, sie sollen das aber mit ihren angeblich natürlichen Aufgaben wie Kinderkriegen, aufziehen und den Haushalt schmeißen vereinbaren können. Wie das gehen soll, ist allein ihr Problem. Es stellt sich also wieder das alte Bild ein: Nach der Arbeit schmeißt die Frau den Haushalt. Auch Frauen sollen jetzt eine erfüllte Sexualität leben können. Allerdings haben sie dabei möglichst gesund, jung und schön zu sein. Sie sollen möglichst alle Männer scharf machen, aber mit höchstens einem Sex haben. Der Status eines Mannes hingegen erhöht sich, wenn er mit möglichst vielen Frauen schläft.

Moderne Geschlechterherrschaft ist schwieriger zu durchschauen, weil sie auch dort wirkt, wo keine prügelnden Ehemänner und Väter mehr zu sehen sind. Das Geschlechterverhältnis funktioniert heute vor allem über Erziehung und die teilweise freiwillige Annahme der erwarteten Geschlechterrollen. Von früher Kindheit an wird uns eingetrichtert, dass es nur Männer und Frauen gibt, dass diese sich vom Wesen und vom Aussehen her unterscheiden und das jeweils andere Geschlecht begehren.
Normen und Idealvorstellungen sowie herrschaftliche Moralvorstellungen bilden die Basis für diesen Zwang zum Mann- oder Frausein. Weichst du etwas ab vom Ideal, begegenen dir deine Mitmenschen mit abfälligen Blicken, strafen dich mit Ignoranz – sie verletzen dich ganz direkt mit Beleidigungen oder sorgen indirekt dafür, das du dich minderwertig fühlst. Siehst du nicht nur anders aus sondern lebst auch noch eine andere Sexualität, hat das oft noch schwerere Konsequenzen. Diese reichen von Diskriminierung im Alltag bis hin zu lebensbedrohlichen Übergriffen.

In all dies sind wir alle so tief verwickelt, das es oft schwer fällt darüber zu sprechen oder einfach nur nachzudenken. Viele Männer gestehen sich ungern ein, wie zwanghaft, anstrengend und schmerzvoll es auch für Männer ist, „ein ganzer Kerl zu sein“. Sie denken ungern an Demütigungen durch Mitschüler oder im Militärdienst zurück. Sie erlauben sich nicht, Ängste und Schwächen zu zeigen, und schimpfen stattdessen lieber über Feministinnen oder Homo- und Transsexuelle. Dazu kommt, dass die gesellschaftlichen Strukturen – also die Familie, der Beruf, der Staat und so fort – ständig auf uns einwirken und unsere gesellschaftliche Position und die Rahmenbedingungen bestimmen. Und welche Rolle die einzelne dabei bekommt entscheidet dann, welche Chancen sie im Leben hat – Chancen auf Bildung, persönliche Freiheit, politischen Einfluss und vieles mehr. In den Strategien der Queer Politics wird unter anderem versucht, feste Rollen und Muster zu durchbrechen.

Diese modernen Aspekte mischen sich dazu noch mit den Methoden vormoderne Geschlechterherrschafft. Auch heute werden Frauen, die sich ihrern Männern wiedersetzten hart bestraft, verprügelt, ausgestoßen, gelegentlich auch ermordet. Selbst die uralten Traditionen wie: Vergewaltigung, häusliche Gewalt und Genitalverstümmelung bestehen weiter. Frauen bleiben auf die eine oder andere Weise weiterhin eingesperrt ins Private - während Männer das öffentliche Leben bestimmen - und den Besitz unter sich aufteilen. Ja, es gibt Geschlechterherrschaft. Feminismus und Queer politics sind heute so wichtig wie eh und je!