Thursday, March 12, 2015

Klassenherrschaft

Dieser Teil geht der Frage nach, inwiefern heute noch von einer Klassengesellschaft gesprochen und eine solidarische Perspektive gefunden werden kann. Es werden die veraltete Klassenkamprhetorik genauso wie Bündnisse zwischen Unternehmen und Arbeiter_innen kritisiert, um schliesslich in die Richtung sinnvoller politischer Ansätze zu deuten. Für den Fall, daß Film und Text parallel verwendet werden, wollen wir darauf hinweisen, daß die Textversion in den Formulierungen leicht vom Gesprochenen abweicht.

Früher sprachen ArbeiterInnen von Klassenkampf. Das macht heute kaum noch jemand. Keiner weiß, wer die Klasse der ArbeiterInnen heute eigentlich sein soll. Schauen wir zunächst auf das Augenscheinliche, das Geld: Manche Lohnabhängige verdienen 1 US$ am Tag, andere 1000. Wieder andere haben erst gar keine Arbeit. Das Geldsystem ist somit schon grundsätzlich ein Problem. Es ermöglicht das Handeln mit der Ware Arbeitskraft, und teilt so Menschen in mehr oder weniger wertvoll ein. Große Verantwortung für die Kapitalrendite wird natürlich besonders gut bezahlt – da brauch sich niemand über Managergehälter wundern. Allgemein können wir sehen, daß die gemeinsamen Lebensumstände, welche die Grundlage für den gemeinsamen Kampf der ArbeiterInnen im 19.Jahrhundert darstellten gibt es nicht mehr. Woher sollen da noch gemeinsame Interessen kommen? Dementsprechend finden sich heute auch kaum große Arbeiterparteien, wie es sie noch vor ein paar Jahrzehnten überall auf der Welt gab.

Trotzdem gibt es noch Klassen – und Klassenherrschaft - im Sinne der Herrschaft der Besitzenden von Produktionsmitteln über die Mittellosen, gekennzeichnet durch Ausbeutung – wie in unserem Teil zur Ökonomie gezeigt wurde. Der Kapitalismus basiert darauf, dass stetig und möglichst viel Umverteilung stattfindet – und zwar von unten nach oben. Aktuell können wir an der Entwicklung des Anteils der Löhne an der Bruttowertschöpfung im Verhältnis zum Unternehmergewinn sehen, das diese Umverteilung keinesfalls konstant ist. Investitionen lohnen sich im Kapitalismus vor allem wenn Mensch und Ressourcen ausgebeutet werden. Dabei werden automatisch die einen reicher und die anderen ärmer. Das ist ein Grundprinzip, das oft geleugnet wird. Wer Geld auf dem Konto hat oder es selbst anlegt gehört zu den Besitzenden. Je mehr Ersparnis, desto größer der Vorteil gegenüber den Habenichtsen. Andere können erst gar nichts sparen oder sind sogar verschuldet. Sie schwitzen dafür umso mehr für das bisschen Geld zum Leben, und kommen noch lange nicht in den Genuss einer sicheren Rente oder einer Krankenversicherung.

Es gibt auch noch andere Punkte, die Arbeiter_innen voneinander entfrenen. Aspekte, die mit der sozialen Positionierung, also dem Status der Personen zusammenhängen. Der Rassismus zum Beispiel ist ein Schichtenübergreifendes Phänomen. Aufgrund rassistischer Haltungen werden Migrant_innen oft von Arbeitskämpfen ausgeschlossen. Globale gewerkschaftliche Perspektiven sind auch wegen rassistischer Ressentiments bis heute vieler Orts nicht denkbar.

Ebenfalls ein großes Hindernis für eine solidarische Perspektive sind die Hierarchien im Arbeitsprozess. Manche Lohnabhängige haben anscheinend das Gefühl ganz oben auf zu schwimmen. Das liegt einerseits an ihrem höheren Gehalt, anderseits aber auch an ihrem Aufgabenbereich. Manche dürfen die Befehle erteilen, die andere ausführen. Ein üblicher Effekt ist eine Rangfolge von „Fahrradfahrer_innen“ - die nach oben Buckeln – und nach unten Treten.

Der Weg ist also frei für den Klassenkampf - von oben – die Unternehmer und Kapitalgesellschaften gewinnen eine Runde nach der Anderen. Zu den oben genannten Gründen kommen noch ideologische Elemente hinzu, die sehr hilfreich sind, um ArbeiterInnen gegeneinander in Stellung zu bringen: Zum Beispiel die Idee, dass manche Menschen nun mal klüger und deshalb wichtiger seien als andere. Eine Millionen Euro im Jahr verdient eben nur der Beste in dem großen Spiel „Jeder gegen Jeden“–
ein Spiel mit angeblich gleichen Chancen. Die Besseren müssten sich gegen die Schlechteren durchsetzen, sonst würde es nicht vorangehen – Konkurrenz als Naturgesetz. Ein perfides Argument, das nur Leuten einfallen kann, die ihre Schäfchen bereits im Trockenen haben. Gerne wird in diesem Zusammenhang auch die nationale Gemeinschaft beschworen, ohne die Elite seien die schuftenden Massen im internationalen Kampf der Nationen aufgeschmissen. Arm und Reich sollen zusammen halten - Lohnkürzungen zur Rettung des Industriestandortes akzeptieren. Solche Argumente leuchten vielen Leuten ein – diesen Kampf der Nationen erleben viele Menschen als Realität.

Die Solidarität unter den Arbeitenden weltweit ist heute also kaum erkennbar. Für viele heisst das um so mehr, dass die Klassenkampfrethorik wiederbelebt werden müsste, um den Massen eine Orientierung zu bieten. Das erscheint wenig erfolgversprechend, wenn wir bedenken, wie Identitäten in der Informationsgesellschaft entstehen. Aus der imensen Auswahl an Identifaktionsangeboten vereinigen sich oft gleich ein Dutzend oder mehr in einer einzigen Person. Darüberhinaus stellt sich die Frage, ob politische Forderungen überhaupt aus Identitäten abgeleitet werden sollten. Das sich Menschen Identitäten zulegen, ist unvermeidlich. Wenn diese Identitäten aber zur Grundlage von politischem Engagement werden, erzeugen sie zwangsläufig den Ausschluss von diversen anderen Menschen und Gruppen. Eine herrschaftskritische Praxis würde versuchen, solche Auschlüsse zu vermeiden und von der grundsätzlichen Gleichheit der Menschen auszugehen.

Arbeiter_innenmobilisierung wie die der letzten beiden Jahrhunderte stehen in Europa nicht gerade vor der Tür. Die Voraussetzungen sind schlichtweg andere. Vielerorts gibt es große Gewerkschaften, die aber in Deutschland zum Beispiel in Nationale Tarifpartnerschaften eingebunden sind. Es gibt weltweite Vernetzungen als eine Voraussetzung für globales agieren – aber die Möglichkeiten werden fast nicht genutzt. Was fehlt ist eine politische Perspektive.

Anstatt zu versuchen die alte Klassenkampf-Rhetorik wieder zu beleben, bietet sich auch hier Herrschaftskritik an, wie sie in diesem Abschnitt angedeutet wurde. Sie hat die analytischen Werkzeuge, mit denen die Zusammenhänge zwischen der Ausbeutung von Lohnarbeitenden und anderen Herrschaftsformen verstanden werden können. Die gemeinsame Perspektive ermöglicht, eine gemeinsame Politik, auch auf Grundlage partikularer Identitäten. Von hier lassen sich problemlos klare Perspektiven ableiten: Aufbau und Stärkung solidarischer und demokratischer Produktionsverhältnisse; konsequente Globalisierung der Arbeitskämpfe; das Bündnis mit Nation und Kapital aufkündigen.