Friday, December 11, 2015

Emanzipation - Eine Politische Einbettung

Vortrag und Diskussion (KüfA + Bar)

Dienstag, 15.12.2015 – 20 Uhr
JUP, Florastr.84, 13187 Berlin – Zugang übers Café

Am kommenden Dienstag wird zum Abschluss der Reihe ein kleines erst 2015 erschienenes Büchlein von großer Bedeutung vorgestellt. Darin lässt Michael Brie häufig Karl Polanyi (The Great Transformation, 1944), sowie Nancy Fraser (z.B. Umverteilung oder Anerkennung? Mit Axel Honneth, 2003) zu Wort kommen. Mit diesen führt uns Brie unpathetisch und entspannt auf knapp 100 Seiten durch eine ‘große Erzählung’ der sozialen und politischen Krisen im 19. und 20 Jhd.. Nancy Fraser hat erst kürzlich dafür plädiert, Karl Polanyis Werk kritisch aufzugreifen (A Triple Movement?, 2013, von Brie übersetzt und ebenfalls mit im Buch) und seiner Darstellung des zentralen Konfliktes zwischen Liberalismus und Protektionismus die emanzipatorischen Bewegungen hinzugefügt. Brie ergänzt noch die Kategorie der Autoritären und komplettiert damit ein grobes Bild der globalen politischen Strömungen. Dieses Bild wird in seinem abstrakten Kern vorgestellt, um das Projekt der Emanzipation in diese politische Landschaft einzubetten. Mit dem in den vergangenen Monaten entwickelten Emanzipationsbegriff lässt sich die von Fraser und Brie weitergeführte große Erzählung Polanyis mit wichtigen Aspekten bereichern, aber auch die unzureichende Diskussion des Verhältnisses von gegen-hegemonialen und nicht-hegemonialen Strategien emanzipatorischer Politik problematisieren.

Mit diesem Abschluss ist das mögliche Themenspektrum der Reihe sicherlich nicht erschöpft. Das Ergebnis kann nur ein Anfang sein für die Bewältigung diverser wichtiger Aufgaben, die durch diesen Versuch vor allem ins Bewusstsein emanzipatorischer Linker gebracht werden sollten. Diese Aufgaben drehen sich allesamt um die Klärung der Gesprächsgrundlagen zwischen linken Akteuren: Gibt es eine Wirklichkeit die wir gemeinsam erkennen und verändern können, oder ist alles nur einfach eine Frage der Perspektive und Meinung? Was müssen wir bei der Wahrheitssuche beachten? Reicht es, sich selbst zu ändern um zu einer besseren Gesellschaft zu gelangen, oder andersherum, reicht es mit geballter Macht den demokratischen Sozialismus einzuführen? Welche Rolle spielen Individuen und Gemeinschaften, Gesellschaft und Staat für den Prozess der Emanzipation? Welche Rolle spielen Utopie und Wertvorstellungen? Was können emanzipatorische Akteure aus Macht- und Herrschaftstheorien lernen? In welchem Verhältnis stehen Herrschafts- und Kapitalismuskritik? Und nicht zuletzt: Was bedeutet Emanzipation - konkret für unser Leben, politisches Engagement und die gesellschaftliche Entwicklung? In welcher Beziehung steht emanzipatorische Politik zu Empowerment und Solidarität? Sich diesen Kernfragen zu stellen ist aktuell ein wichtiger Schlüssel für eine gemeinsame Orientierung diverser linker Projekte und Strömungen, und, ein Schlüssel zu mehr Überblick und mehr Treffsicherheit und Wirkung im Sinne emanzipatorischer Ziele - für einzelne linke Akteure, und für ihre gemeinsame Wirkkraft. Nicht mehr und nicht weniger.

Brie, Michael (2015) Polanyi Neu Entdecken – Das Hellblaue Bändchen zu einem Möglichen Dialog von Nancy Fraser & Karl Polanyi. VSA, Hamburg

Thursday, November 26, 2015

Freedom Rising

Freedom Rising – Emanzipationstheorie mit starker Beweisführung

Vortrag und Diskussion (KüfA + Bar)

Dienstag, 01.12.2015 – 20 Uhr
JUP, Florastr.84, 13187 Berlin – Zugang übers Café

Christian Welzels Buch ‘Freedom Rising’ von 2013 ist definitiv ein Muss für die emanzipatorische Linke. Er nutzt darin eine enorme Datenmenge (Open Data), um in vielfältigen Detailfragen zu klären, wie es sich weltweit mit dem modernen Streben nach Freiheit verhält – welche Ursachen es hat, welche Wechselwirkung und Konsequenzen damit verbunden sind. Das Buch ist voll gepackt mit spannender Beweisführung, die exemplarisch vorgestellt wird. Vieles ist leicht verständlich, es wird aber auch einen kleinen Ausflug in die Analyse von Statistiken geben. Das kann nicht schaden, da uns heute sogar Zahnpasta und Joghurt von Wissenschaftler_innen verkauft werden.

Aber vor allem: Welzel entwickelt eine Emanzipationstheorie, die der bisher vorgestellten sehr ähnlich ist – ein weiteres Indiz, dass wir uns nah an der Realität bewegen. Welzel arbeitet mit Amartya Sens ‘capability approach’ als Grundlage, welcher ebenfalls einen sehr stark empirischen Hintergrund hat. Es fehlt nun nur noch etwas an Wissenschaftskritik und Herrschaftskritik. Kapitalismuskritik fehlt sogar gänzlich, aber es wird sich zeigen, dass sein Ansatz absolut kompatibel ist. So ergibt sich die Aufgabe für diese Veranstaltung Welzels starke Beweisführung mit einer kritisch-realistischen, emanzipatorischen Perspektive zu verknüpfen.

Welzel, Christian (2013) Freedom Rising – Human Empowerment and the Quest for Emancipation. Cambridge, N.Y.

Es gab die Idee, noch ein Zweites Buch vorzustellen, was aber aus Zeitgründen nicht möglich sein wird. Für besonders Neugierige soll es hier jedoch kurz beschrieben werden: Es handelt sich um „Gleichheit ist Glück (2010)“ der Ernährungswissenschaftlerin Kate Pickett und des Wirtschaftshistorikers Richard Wilkinson. Sie nutzen darin ebenfalls große Datenmengen, um gesamtgesellschaftliche Nachteile von Ungleichheit zu belegen - also nicht die ohnehin bekannten Nachteile für die Verlierer_innen – und zeigen, wie es mancherorts besser läuft als anderswo. Das Buch richtet sich an all jene, die sich nicht als Betroffene empfinden, und jene, die glauben es gäbe keine Alternative zu Ungleichheit. Der empirische Teil kann in diesem Sinne auch für eine emanzipatorische Linke eine gute Argumentationsgrundlage sein. Allerdings fehlt es der Analyse auch hier an aktueller kritischer Sozialtheorie. Das heißt, dass es ohne eine Verknüpfung mit einer kritisch-realistischen, emanzipatorischen Perspektive eher naiv und zahnlos im Kampf gegen Ungleichheit wirkt – bzw. als Aha-Effekt für herzenswarme Lippenbekenntnisse.

Wilkinson, R. & K. Pickett (2010) Gleichheit ist Glück – Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind. Tolkemitt, Berlin

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Nach der VA:

Im Zuge der konkreten Vorbereitung der Veranstaltung, und des erneuten Lesens im Buch von Welzel, stellte sich heraus, dass seine Emanzipationstheorie doch nicht so anknüpfungsfähig ist, wie gedacht. Die in den vorigen Veranstaltungen entwickelte herrschaftskritische Perspektive hat zwar durchaus einige Gemeinsamkeiten mit jener von Welzel (sowohl wissenschafts- als auch sozialtheoretisch), aber in entscheidenden Punkten zeigen sich doch erhebliche Unterschiede.

Die Gemeinsamkeiten sind folgende:
- Welzel ist ohne Zweifel ein Realist, der das Handeln von Individuen, und die Effekte von gesellschaftlichen Strukturen in ihrer Wechselwirkung reflektiert.
- Er unterscheidet deutlich individuelle und kollektive Handlungsebenen.
- Im Hintergrund von Emanzipation steht bei ihm sowohl Freiheit als auch Gleichheit.
- Emanzipation erfasst er an einigen Stellen als ein universelles Ziel menschlichen Strebens, Empowerment wiederum als ein Mittel zu diesem Zwecke (an anderen leider nicht).

Es gibt jedoch eine sehr grundsätzliche und folgenschwere Problematik, die auf einen Mangel an Interesse für Wissenschaftskritik bei Welzel hindeutet. Die Art und Weise, wie er objektive Forschung und politische Positionierung verknüpft wird weder den traditionellen (Max) Weber’schen Ansprüchen an objektive Sozialwissenschaft gerecht, noch jener Forderung nach kritischer Selbstverortung, wie Sie etwa durch Donna Haraway (4.VA) formuliert wurde. Konkret: Welzel macht normative Setzungen (wie es sein soll) an entscheidenden Punkten seiner deshalb nur scheinbar objektiven Emanzipationstheorie. Mit der Wahl seiner Variablen für den Emanzipative-Werte-Index schlägt er sich auf die Seite der Linken oder Linksliberalen und verwirft offensichtlich eine elitistische oder sozialdarwinistische Interpretation von Freiheit als das Recht auf Reichtum. Im Rahmen aktueller kritischer Sozialtheorie, müsste diese Entscheidung thematisiert und begründet werden, und ihrem Effekt auf die Ergebnisse reflektiert.

Darüberhinaus ist das ganze Buch geprägt von der Suche nach Beweisen für SEINE THEORIEN. Es wird zwar im Klappentext behauptet, er würde auch gegensätzliche Hypothesen testen, aber dies stimmt nur bedingt, weil er naheliegende Alternativen nicht einmal erwähnt. Zu diesem Punkt etwas ausführlicher: Der inhaltliche Dreh und Angelpunkt des Buches ist seine „Sequenztheorie der Emanzipation“, die in etwa besagt, dass zunächst die existentiellen Bedingungen (Not oder Wohlstand) bestimmen, welche individuellen Handlungsgrundlagen existieren („action resources“: Materielle, Wissen, Beziehungen … Strukturaspekte!). Auf Grundlage dieser ergeben sich Handlungspielräume, im Rahmen derer die Individuen mehr oder weniger frei agieren. So entwickeln sie emanzipative Werte und lernen diese zu schätzen. Mit der Wertschätzung kommt der Wunsch oder Drang nach mehr Freiheiten (bis hier Handlungsaspekte), welcher tendenziell zu einer Zunahme gesetzlich verfasster Freiheiten führt. Auf Grundlage verbriefter Freiheiten können sich auch emanzipative Werte weiter entfalten usw. (politische Emanzipation … wieder Strukturauspekt). Das klingt intuitiv sehr schlüssig und nebenher bei einer Limo erzählt wäre das sicher eine tolle Idee. Aber bei genauem Hinsehen wackelt das Konstrukt erheblich. Und Welzels eigene Tests liefern dafür Anhaltspunkte. Z.b. überprüfte er die Auswirkung des (mehr oder weniger) Vorhandenseins von Bürgerrechten in einem Jahrzehnt auf die (mehr oder weniger) starke Ausprägung emanzipativer Wertvorstellungen im darauf folgenden Jahrzent (global). Das Ergbnis zeigte keine signifikante Wirkung, was dem letzten Schritt seiner Sequenztheorie widerspricht. Vorhandene gesetzliche Freiheiten sollten zu einem stärkerem Wertschätzung von Freiheit führen, was aber scheinbar nicht tun.

Zu der Frage nicht getesteter alternativer Ursachen für einen wachsenden Trend zu freiheitlichem Denken. Hier fällt mir zumindest als erstes Kapitalismus ein, als einen starken historischen Trend mit starker Eigendynamik. Ein „Kapitalismus-Index“ könnte z.B. aus der relativen Ausdehnung von Kapital, Waren, Dienstleistungs- und Arbeitsmarkt bestehen. Auch wenn Marx sicher kein Freund des Kapitalismus war, so legt doch seine materialistische und historische Perspektive nahe, das die (Re-)Produktionsbedingungen starken Einfluss auf Wertvorstellungen haben sollten, sich also z.B. positiv oder negativ auf den Wunsch nach Emanzipation auswirken könnten. Auch wenn bei einer solchen Untersuchung schlechte Neuigkeiten für emanzipatorische Akteure herauskämen – also in etwa ein paradoxe Abhängigkeit und zugleich Einschränkung emanzipatorischer Politik vom Kapitalismus – so wäre es doch eine wichtige Erkenntnis, mit der wir ggf. lernen müssen, umzugehen (z.B. indem die Abschaffung des Kapitalismus etwas nach hinten gerückt wird auf der Agenda). Das Wort Kapitalismus kommt bei Welzel jedoch nirgends vor. Die Begriffe Macht und Herrschaft kennt er jedoch, aber eine Auseinandersetzung mit diesen vielseitigen Begriffen zeigt er ebenfalls nicht. So ist sein Verständnis von Macht und Herrschaft, und letztlich von Emanzipation extrem verkürzt. Er kennt nur emanzipative Werte, vertreten durch 12 eher mittelmäßig geeignete 12 Variablen, bzw. Fragen aus dem World Values Survey, und Emanzipation als Gesetze für individuelle Freiheiten. Das Emanzipation von Herrschaftsstrukturen auch jenseits von Gesetzen stattfindet und stattfinden muss, lässt sich auch in seiner umfassenden Testreihe erkennen, fliesst aber nicht in seine Sozialtheorie ein. Diese bleibt etwas altertümlich einer pseudo-objekten Grundhaltung verbunden, welche ‘emanzipative Werte’ als reinen Betrachtungsgegenstand, also gänzlich unabhängig von seiner persönlichen Haltung darstellt. Das diese Studie aber (wie überhaupt gar) keine rein objektive ist, sondern auf politisch relevanten Setzungen (Hypothesen, Fragestellungen) beruht ist hoffentlich deutlich geworden.

Fazit: Ich muss diesen Lesetipp relativieren. Das Buch ist kein Must-Read der emanzipatorischen Linken, sondern eher ein Fall für linke Statistiker_innen. Viele seiner Fragen und statistischen Tests sind durchaus spannend. Ihren Gehalt zu bewerten und daraus Schlüsse für emanzipatorische Politik zu ziehen ist sicherlich lohnend, aber voraussetzungsvoll. Es gibt aus meiner semi-qualifizierten Sicht zumindest 4 zentrale (zum Teil banale) wissenschaftlich belegte Erkenntnisse, die ich an dieser Stelle noch hervorheben möchte.

1 Emanzipative Werte und gesetzliche Freiheiten haben global Aufwind in den letzten 30 Jahren.
2 Es gibt sowohl starke globale Gemeinsamkeiten, als auch Unterschiede in diesem Trend.
3 Die grundsätzliche Wertschätzung individueller Freiheiten ist kein westliches, bzw. kulturell oder religiös bedingtes Phänomen, sondern universell und abhängig von existentiellen Lebensbedingungen.
4 Emanzipation, zumindest die politische, erfordert bestimmte Handlungsgrundlagen, und, damit verbunden, Spielräume.

Welzels theoretische Konstrukte können jedoch getrost verworfen werden. Sie sind überzogen (zu starke Thesen auf zu wackeligen Füssen), widersprüchlich (zB. in der Bedeutung von Empowerment), basieren auf verkürzten Begriffen (Macht, Herrschaft, Emanzipation) und sind deshalb irreführend für eine emanzipatorische Perspektive. Es drängt sich der Verdacht auf, dass hier Karriere mit einem neuen Trendthema gemacht werden will.

Wednesday, November 11, 2015

Wann ist Empowerment emanzipatorisch?

Vortrag und Diskussion (KüfA + Bar)

Dienstag, 17.11.2015 – 20 Uhr
JUP, Florastr.84, 13187 Berlin – Zugang übers Café

Diesmal gibt es einen Einblick in die Untiefen des Begriffes „Empowerment“. Wir schauen dazu in eine kleine Schatztruhe, bzw. einen völlig unbekannten Text von Tom Inglis (nein, nicht der evangelikale Superspinner), sowie in eine feministische Diskussion des Begriffes von der Queen of Intersectionality, Nira Yuval-Davis (Autorin des globalen Bestsellers „Gender and Nation“). Es geht darum verschiedene Bedeutungen im Kontext von „Minderheitenpolitik“, Pädagogik/Psychologie, Management und Entwicklungshilfe zu beleuchten. Mit den unterschiedlichen Verwendungsbereichen sind auch zum Teil widersprüchliche Definitionen verknüpft. Unsere beiden Autor_innen haben jedoch eine für emanzipatorische Politik und kritisch-realistische Wissenschaft sehr brauchbare Perspektive und Lösungsvorschläge.

Zunächst wird der Begriff als Beschreibung von politischen Praxen oder Prozessen eingeengt, und von ‘Emanzipation als politischer Zielrichtung’ klar abgegrenzt – wofür sowohl inhaltliche als auch strategische Argumente vorgebracht werden. Dann wird weiter zwischen ‘Empowerment als Top-Down Prozess’ und ‘Empowerment als Bottom-up Prozess’ unterschieden. Mit Rückgriff auf die letzten Veranstaltungen wird also grob herausgearbeitet, wie sich die Begriffe Empowerment und Emanzipation optimal ergänzen (können, müssen) – also wie mit den beiden Formen von ‘Empowerment’ die konkrete, plurale (partikulare) Ermächtigung in der bestehenden Ordnung erfassbar wird, bzw. wie die negativ bestimmte (universelle) Befreiung von Herrschaftsverhältnissen mit dem Begriff ‘Emanzipation’ besetzt werden kann. Im Anschluss besteht wie immer die Möglichkeit zu inhaltlicher und strategischer Kritik und Diskussion.

Yuval-Davis, Nira (1994) Women, Ethnicity and Empowerment. Feminism & Psychology. Vol 4.1: 179-197
Inglis, Tom (1997) Empowerment and Emancipation. Adult Education Quaterly, Vol. 48.1: 3-17

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nach der VA:

In einer gut besuchten Veranstaltung kam es zu meiner großen Freude zur reger Einmischung, Kritik, Ergänzungen und Diskussion. Der Reihe nach: Mit Tom Inglis haben wir uns die Empowerment-Praxis in der Pädagogik, Psychologie und dem Management angeschaut, und sind ihm bei seiner Erweiterung der „Pädagogik der Unterdrückten“ zur „Pädagogik der Macht“ gefolgt, in welcher Empowerment notwendig mit Macht- und Herrschaftskritik, sowie emanzipatorischen Zielen verknüpft ist. Dann ging es mit Nira Yuval-Davis weiter zur Kritik von Multikulturalismus, Identitäts-, bzw. Ethnopolitik und Gemeinschaftsideologie. Damit hinterfragt sie die politische Praxis im Community-Empowerment. Mit diesem Hintergrund, bzw. den Ergebnissen der letzten Veranstaltung(en) wurde Anhand folgender Grafik eine Co-Definition von Empowerment und Emanzipation vorgeschlagen.

emem.jpg

Die Unterteilung in 4 Ebenen entspricht den 4 Ebenen in Derek Layders Theorie des Sozialen (VA-Nr. 9). Die oberste erfasst die gesellschaftlichen Strukturen als allgemeinen Rahmen, also jene allgegenwärtig wirksamen Strukturen, die nur langfristig verändert werden können. Dies sind z.B. historisch gewachsene Aspekte wie Sprache, Technologien und informelle Institutionen (ungeschriebene Gesetze, tradierte Verhaltensregelns). Auf dieser Ebene sind aber vor allem auch Herrschaftsstrukturen als verstetigte asymetrische Beziehungen (Über-unterordnung) bestimmbar. Um diese geht es schließlich in emanzipatorischer Politik. Emanzipation wird als Negation der Herrschaftsverhältnisse auf dieser allgemeinsten Ebene bestimmt. Eine realistische Analyse ist hier unverzichtbar. Dafür bedarf es einer Einigung über wissenschaftstheoretische Grundfragen und Methoden, sowie eine abstrakte ethische Grundlage - einen für linke Bewegungen konsensfähigen ethischen Imperativ, der wiederum rational/empirisch und intuitiv/emotional begründbar ist - wie in etwa ‘Geniesse das Leben und helfe anderen ein genussreiches Leben zu führen (VA-Nr. 3)’. Ist dies möglich bekommen die globalen linken Bewegungen mit ‘Herrschaft’ ein gemeinsames klares Feindbild, bzw. eine gemeinsame klare Ausrichtung (abstrakte Ziele!): ‘Emanzipation’.

Was dies konkret bedeutet ist sinnvoller Weise getrennt zu betrachten, damit das Gemeinsame nicht in den notwendigen Auseinandersetzungen um das Konkrete (das Normative oder wie es stattdessen sein soll) untergeht. Die ‘konkreten’ gesellschaftlichen Strukturen erfasst schließlich die Zweite Analyseebene. Konkrete Menschen befinden sich demnach in konkreten Verhältnissen. Sie werden von konkreten Gesetzen, konkreten Diskursen, bzw. konkreten Machtverhältnissen befähigt und eingeengt. Emanzipatorische Projekten und Kampagnen zielen auf die emanzipatorische Veränderung dieser konkreten Verhältnisse ab (konkrete Ziele!). Wieweit diese als emanzipatorisch zu werten sind, hängt von ihrer Ausrichtung im Bezug auf Herrschaftsverhältnisse ab. Der Anspruch auf realistische Analyse ist dabei unverzichtbar, um Handlungsspielräume realistisch zu erfassen.

Die Dritte Ebene erfasst das konkrete Handeln, die Interaktion in konkreten Begegnungen, egal ob eine halbe Sekunde oder von mehren Stunden Dauer, ob einmalig oder über Jahre wiederholt. Für ein möglichst realistisches Weltbild ist die genaue Beobachtung der konkreten Begegnungen von herausragender Bedeutung. Auf der Ebene der Interaktion ist emanzipatorisches Handeln konkretes “parteiliches” Eingreifen in Konflikte um materielle Ressourcen, Aufmerksamkeit, Entscheidungen und das Setzen von kollektiven Deutungen und Zielen. Hierbei ist sowohl die Richtung, als auch die Art und Weise dieses Eingreifens (respektvoll, selbst-kritisch) entscheidend. Emanzipatorisches Handeln richtet sich gegen die allgemeinen Herrschaftsverhältnisse (1.) und hat konkrete emanzipatorische Ziele (2.). Empowerment wiederum ist Voraussetzung und Mittel für emanzipatorisches Handeln, weil die Handlungsfähigkeit in den konkreten Begegnungen von Fähigkeiten und Ressourcen abhängt, die mobilisiert werden können. Dies gilt für Individuen, genauso wie für Kollektive. Empowerment ist deshalb wesentlicher aber nicht einziger Bestandteil von emanzipatorischer Praxis, allerdings nur, sofern Empowerment auch mit emanzipatorischen Zielen verknüpft ist. Wichtig ist die Unterscheidung in Top-Down und Bottom-Up Empowerment in der Praxis, da diese höchst unterschiedliche Herausforderungen in Verbindung mit der emanzipatorischen Ausrichtung mit sich bringen.

Auf der 4ten, individuellen Ebene - d.h. im Bezug auf die einzelne Person mit ihrer individuellen Entwicklung als Voraussetzung des Handelns (Fähigkeiten, Angewohnheiten, Denkweisen, Emotionen) – bedeutet Emanzipation klassischer Weise, sich aus Abhängigkeiten zu lösen. Manche Emanzipationstheorien sehen diese als die einzige Ebene wirksam Gesellschaft zu verändern, und sparen sich die Mühen in der Erfassung von Gesellschaft über Interaktion, konkrete und allgemeine Strukturen. Sofern sich diese 4 Betrachtungsebenen jedoch ergänzen, ist die Veränderung des Selbst als emanzipatorische Praxis ein enorm wichtiger und realistischer Ansatz. Empowerment ist wiederum Voraussetzung und Mittel für die zielbewußte Veränderung des Selbst. Empowerment hinzu selbstbewußten und selbstkritischen Individuen lässt sich zwar schlüssig mit Herrschaftskritik und Emanzipation als übergeordneter Zielsetzung verbinden. Diese Verbindung ist aber nicht automatisch gegeben, wie einige heute verbreitete Empowerment Ansätze zeigen (Stichworte: Ich-AG oder flache Hierarchien in Unternehmen).

Angemerkt wurde z.B., das emanzipatorisches Empowerment im Bildungskontext besonders schwierig zu bewerkstelligen, da die Dozent_in (Lehrer_in) mit der Vermittlung von Machtwissen auch die eigene Position untergräbt, sich also ggf. den beruflichen Alltag zusätzlich erschwert.

Diskutiert wurde, ob emanzipatorisches Empowerment als Top-Down-Ansatz überhaupt Sinn macht, worüber sich aber geeinigt werden konnte, insofern viele Beispiele für die Möglichkeit, Notwendigkeit und den etwaigen Erfolg aus Praxis und Alltag aufgezeigt werden konnten.

Ungeklärt blieb die Frage, ob Emanzipation in seiner Kernbedeutung tatsächlich nur rein negativ definiert werden kann oder sollte - also im Kern nicht als konkretes politisches Projekt bestimmt, sondern nur als Ablehnung (Negation) von Herrschaftsverhältnissen. Wir werden spätestens im Rahmen der 16. (vorerst letzten) Veranstaltung darauf zurückkommen, wo es um den Versuch geht, diese Definition von Emanzipation mit Ulrich Brands und Nancy Frasers Perspektive auf emanzipatorische Politik in Bezug zu bringen.

Thursday, October 29, 2015

Was bedeutet Emanzipation?

Vortrag und Diskussion (KüfA + Bar)

Dienstag, 03.11.2015 – 20 Uhr
JUP, Florastr.84, 13187 Berlin – Zugang übers Café

Zum Einstieg in die 13te Veranstaltung der Reihe gibt es einen sehr kompakten historischen Abriss über das Aufkommen des Emanzipationsbegriffes im Kontext der Ideen von Freiheit und Gleichheit. Mit diesem Hintergrund nähern wir uns dann einer aktuellen Definition von Emanzipation. Diese muss vor allem zwei Dinge leisten: Sie sollte einen Bezug zu dem haben, was aktuell unter Emanzipation – zumindest im Deutschen und Englischen - verstanden wird, muss aber auch kritisch-realistischer Wissenschafts- und Sozialtheorie gerecht werden. Für ersteres müssen verschiedene Enzyklopädien und Suchmaschinen herhalten. Für Letzteres werden kurzerhand naheliegende Konsequenzen aus den bisherigen Veranstaltungen gezogen. Ob diese Kriterien gleichzeitig erfüllbar sind und das Ergebnis strategisch Sinn ergibt könnten wir im Anschluss diskutieren.

Textgrundlage ist diesmal die Literatur der vergangenen Veranstaltungen. Es wird allerdings an der ein oder anderen Stelle auch ein Buch von Ernesto Laclau („Emanzipation und Differenz“) eine Rolle spielen, das 2013 in deutscher Sprache erschienen ist. Hier wird der Begriff Emanzipation vor allem im Kontext der Auseinandersetzungen um Universalismus und Pluralismus diskutiert.

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Nach der VA:

Mit nur einem Gast war die eigentlich wichtigste Veranstaltung der Reihe die am schlechtesten besuchte. Trotz etwas Frust hier ausnahmesweise mal eine Zusammenfassung der Ergebnisse … weil es so wichtig ist.

Mit Ernesto Laclau (s.o.) halten wir an der Faustregel fest, dass ein gemeinsames politisches Projekt unterschiedlichster Befreiungsbewegungen vor allem durch einen “negativen” oder “leeren” Universalismus möglich wird. Das heisst, das ‘Emanzipation’ als gegen herrschaftliche Beziehungen gerichtet definiert werden sollte. Oder andersherum: Jeder Versuch, ‘Emanzipation’ als EIN konkretes politisches Projekt zu bestimmen, erzeugt unnötigen, tendenziell eurozentrischen Ausschluss. Genau dadurch bekommt ‘Herrschaftskritik’ eine wichtige, zentrale Rolle für emanzipatorische Politik.

Ergänzt werden muss jedoch, dass hinter einer negativen Definition von ‘Emanzipation’ zwangsläufig eine konkrete Werthaltung steht, die auch benannt werden muss, z.b. in Form eines aktuellen “maximalen Moralprinzips” wie etwa: „Geniesse das Leben und helfe anderen ein genussreiches Leben zu führen (Mario Bunge, siehe VA von 28.4.2015)”. Denn, ohne einen ethischen Realismus bleiben auch abstrakte positive Leitbegriffe (Freiheit, Gleichheit) ohne Begründung, also austauschbar.

Ausserdem wurde grob herausgearbeitet wie der Begriff ‘Emanzipation’ historisch verknüpft ist, zum Einen, mit konkreten kollektiven Bestrebungen nach Freiheit und Gleichheit und, zum Anderen, mit individueller Befreiung aus Abhängkeiten. Zudem geistert ‘Emanzipation’ seit der Verwendung durch Karl Marx als Idee universeller menschlicher Befreiung durch linke Debatten. Den Begriff als politischen Fixpunkt für eine globale Linke zu erschliessen scheint deshalb sinnvoll, darf aber als eine konkrete Aufgabe betrachtet werden, die sich mit Sicherheit nicht von selbst erledigt.

Mit diesem Hintergrund wurde grob folgende Definition für Emanzipation auf 4 sozialen Ebenen vorgeschlagen:

1. Im Kontext gesamtgesellschaftlicher Aspekte, d.h. - neben Sprache, Technologien, Klima, Ressourcenknappheit etc. - vor allem im Kontext von verstetigten Unter-/Überordnungsbeziehungen (Kapitalismus, Patriarchat, Post-koloniale …) … bezieht sich Emanzipation auf die langfristige, gegen Herrschaft gerichtete Veränderung der allgemeinen Verhältnisse in denen der Mensch ein geknechtetes, verächtliches … usw.

2. Im Bezug auf die konkreten sozialen Rahmenbedingungen - gemeint sind an einem bestimmten Ort und zu einem bestimmten (historischen) Zeitpunkt wirksame Gesetze, Konventionen, Diskurse etc. - richtet sich Emanzipation gegen konkrete Erscheinungen und Auswirkungen von Herrschaftsverhältnissen im Kampf (und ggf. Spiel) um Handlungsspielräume. Emanzipation als universelle Ausrichtung richtet sich auch gegen andere Formen Über-/Unterordung, die zwar nicht bestehende, aber dafür potentiell neu entstehende Herrschaftsverhältnisse repräsentieren. Emanzipation bedeutet also auch nicht das Ersetzen einer Elite durch eine andere.

3. In den konkreten Begegnungen (Interaktion) bedeutet Emanzipation konkretes “parteiliches” Eingreifen in Konflikte um materielle Ressourcen, Aufmerksamkeit, Entscheidungen und das Setzen von kollektiven Deutungen und Zielen. Hierbei ist sowohl die Richtung (emanzipatorisch, wie oben), als auch die Art und Weise dieses Eingreifens (respektvoll, kritisch) entscheident. Emanzipatorisches Handeln in diesem Sinne ist nicht voraussetzungsfrei, bzw. erfordert Handlungsspielraum. Ein auf den “Genuss des Lebens (für alle)” abzielendes, emanzipatorisches Handeln ist unter lebensbedrohlichen Umständen kaum möglich.

4. Auf der individuellen Ebene - d.h. im Bezug auf die einzelne Person mit ihrer individuellen Entwicklung von Fähigkeiten, Angewohnheiten, Denkweisen und Emotionen – bedeutet Emanzipation klassischer Weise, sich aus Abhängigkeiten zu lösen. Im Rahmen eines politischen Emanzipationsbegriffes, ließe sich dies im Kern zuspitzen auf das Erlangen von Einfluss auf die eigenen Einstellungen, Denkmuster und Angewohnheiten im Sinne Kant’s ‘Autonomie’, im Gegensatz zur hörigen Übernahme solcher. Das setzt jeweils ein Mindestmaß an Verstehen, bzw. dauerhaften Lern- und Erkenntnisprozess voraus als Teil von individueller Emanzipation voraus. In einem materialistischen Realismus kommen als Voraussetzungen für die Beeinflussung des Selbst und der Umwelt noch materielles „Auskommen“, sowie ein emotionales „Klarkommen“ hinzu.

Thursday, September 10, 2015

Hegemonie und Gegenhegemonie

Vortrag und Diskussion (KüfA + Bar)

Dienstag, 20.10.2015 – 20 Uhr
JUP, Florastr.84, 13187 Berlin – Zugang übers Café

Hegemonie ist das neue Zauberwort in der Sozialkritik. Der Begriff scheint weit genug um die komplexe Wirklichkeit zu erfassen, und zugleich ausreichend konkret, um praktisch politische Konsequenzen aus einer Analyse von Hegemonie abzuleiten. Ein stichhaltiger Text von Alex Demirovic erläutert, wie Hegemonie als bürgerliche Herrschaft zu verstehen ist und welche Elemente von Antonio Gramscis Konzept dabei besonders hilfreich sind. Die Eckpunkte aus den vorigen Veranstaltungen werden wiederum helfen dieses Konzept in einer kritisch-realistischen Perspektive zu verorten.

Mit der Kritik bürgerlicher Herrschaft ist auch das Projekt der Gegenhegemonie verbunden. Hier wird es schon komplizierter, da zunächst einiges geklärt werden muss: Wer soll hier eigentlich die neue Ordnung erkämpfen? Wohin soll es gehen? Und welche Mittel und Wege stehen ggf. zur Verfügung? Diesen Fragen widmet sich Angus Stewart (2001) in einem etwas schwer verdaulichen Buch, indem er jedoch sehr gründlich die Sozialtheorie nach Antworten durchforstet. Jene werden kurz und knapp vorgestellt und in die Ergebnisse der vorigen Veranstaltungen eingeordnet.

Ergänzt wird dieser grobe Umriß der Kampfarena durch zwei neue machttheoretische Konzepte, Power-With und Power-Within, auf deren Grundlage Lisa Veneklasen und Valerie Miller Handlungsempfehlungen für emanzipatorische Akteure formulieren. Anna Hutchens hat diese Erweiterung von Steven Lukes Top-Down fokussierten Konzept aufgegriffen und ihre Forschung mit einem dialektischen Modell emanzipatorischen Wirkens verknüpft. Sie beschreibt eine Ebene der Auseinandersetzung, die durch Verhandlungen geprägt ist, und die deswegen eher als Spiel verstanden werden muss, denn als Kampf - indem zur Verbesserung der Lage immer wieder ein Kompromiss mit der herrschaftlichen Ordnung eingegangen wird, um diesen anschließend erneut in Frage zu stellen. Damit ist die Brücke zum nächsten Teil gebaut, indem es konkret um Theorien von Emanzipation geht.

Demirovic, Alex (2012) Löwe und Fuchs – Antonio Gramscis Beitrag zu
einer kritischen Theorie bürgerlicher Herrschaft. In: Imbusch, Peter (Hg.) Macht und Herrschaft - Sozialwissenschaftliche Theorien und Konzeptionen (2.Auflage). Springer, Wiesbaden

Stewart, Angus (2001) Theories of Power and Domination - The Politics of Empowerment in Late Modernity. SAGE Publications, London

VeneKlasen, Lisa., and Valerie Miller (2002) A New Weave of Power, People and Politics: The Action Guide for Advocacy and Citizen Participation. World Neighbors, Oklahoma City

Hutchens, Anna (2009) Changing Big Business – The Globalisation of the Fairtrade Movement. Edward Elgar, Cheltenham